9
Okt
DGS: Unsicherheit als politisches Instrument
Wie schafft es eine Regierung, der Bevölkerung oder einem bestimmten gesellschaftlichen System (Wissenschaft, Gesundheit…) eine neue Struktur zu geben, alte Strukturen aufzubrechen und Wandel zu institutionalisieren? Patrick Le Galès zeigt am Beispiel der Reformen in Großbritannien auf, wie die kontinuierliche Erzeugung von Unsicherheit als politisches Instrument eingesetzt werden kann. Er weist dabei insbesondere auf die Rolle von Bürokratien hin, die die Ergebnisse von beispielsweise Universitäten beobachten und die mehreren Hundert Indikatoren auf wenige, leicht kommunizierbare Werte reduziert. Dabei wird ein gutes Abschneiden in diesen Indikatoren und Ranglisten belohnt und ein schlechtes sanktioniert.
Auf diese Weise wird der Wandel von einer Radikalkur zu einem langsamen Prozess und es werden Anreize geschaffen, sich den neuen Strukturen graduell anzupassen. Selbst Kritiker der neuen Strukturen werden durch die enge Verknüpfung mit der Finanzierung dazu motiviert, die neuen Regeln zu übernehmen. Der ständige Wandel der Indikatoren und Bewertungskriterien führt zu einer andauernden Unsicherheit, die verhindert, dass sich langfristige Planung entlang alter Muster etablieren kann. Vielmehr wird ständige Anpassung gefordert, die gerade die Übernahme des Marktgedanken fördert.
Dabei erscheint diese Anpassung durch die rhetorische Verknüpfung mit Ranglisten und “best practices” zu einer Fiktion der Rationalität und Unausweichlichkeit, so dass das “ob?” der aktuellen Entwicklung nicht mehr hinterfragt wird, sondern nur noch das “wie?” diskutiert wird, werden auf diese Weise gleichzeitig Konflikte vermieden.

DGS-Kongress 2008 in Jena: Kompletter Presse- und Blogspiegel zum Soziologenkongress « homo sociologicus am 17. Oktober 2008, 12:15 Uhr
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