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Okt
DGS: Soziologie - global gedacht
Vortrag Nummer zwei an diesem Abend stammte von Ulrich Beck. Ihm ging es in erste Linie darum, aufzuzeigen, vor welchen Herausforderungen die Soziologie der nächsten Jahrzehnte steht. Dabei ist ihm insbesondere die zunehmende Entgrenzung wichtig, durch die die klassischen nationalstaatlichen Grenzen in der Soziologie im Prinzip nicht mehr aufrecht erhalten werden können. Allerdings ist nahezu die gesamte soziologische Methodik und Theorie noch auf einen klassischen abgegrenzten Nationalsaat ausgerichtet, ein Umstand, den er als “methodologischen Nationalismus” bezeichnet.
So werden soziale Ungleichheiten beispielsweise meist nur auf nationaler Ebene betrachtet: Deutsche Arbeiter vergleichen sich mit deutschen Angestellten, polnische Landbewohner mit polnischen Stadtbewohnern, spanische Frauen mit spanischen Männern. Tatsächlich entwickelt sich jedoch immer mehr ein Bewusstsein, dass auch Menschen außerhalb des eigenen Landes einen Vergleichsmaßstab darstellen können. Um mit diesen Veränderungen umgehen zu können, muss die Soziologie ein neues Instrumentarium entwickeln, das sich nicht mehr an der Fiktion des Nationalstaats orientiert, sondern das mit sozialen Gruppen auch ohne diese nationale Verankerung umgehen kann, eine Herangehensweise, die Beck als “methodologischen Kosmopolitismus” bezeichnet.
Dabei geht er jedoch, in meinen Augen, zu sehr davon aus, dass die nationale Ebene tatsächlich ab einem gewissen Punkt vollkommen irrelevant wird. So beschreibt er nationale Grenzen zwar als “Wasserscheiden der Wahrnhemung” der Soziologie, hinter die sie nicht blicken könne, lässt aber gleichzeitig außer acht, dass auch die Menschen, die Ungleichheiten wahrnehmen, ihre Wahrnehmung an nationalen Grenzen ausrichten. In meinen Augen ist es nämlich keineswegs so, dass ein “globaler Gerechtigkeitsmaßstab” bereits vollkommen etabliert ist. Vielmehr denke ich, dass dieser lediglich ein theoretisches Konstrukt ist, das der distanzierten Perspektive der Wissenschaft entspringt: Weil es so scheint, dass es keinen rationalen Grund für die Menschen mehr gibt, sich lediglich auf nationaler Ebene zu orientieren und zu vergleichen wird angenommen, dass sie es auch nicht mehr tun. Dass diese Annahme gerechtfertigt ist, wage ich zu bezweifeln.
Benedikt am 7. Oktober 2008, 20:27 Uhr
Okay, ich bin in dieser Frage nicht neutral, aber dennoch: Deiner letzten Schlussfolgerung stimme ich absolut zu. Anzunehmen, die Nation wäre auf einmal irrelevant für das Handeln und Denken der Leute, weil sich Wirtschaft, Medien etc. globalisiert haben, ist ein Kurzschluss. Aber mindestens ebenso kurzsichtig ist es, das Gegenteil anzunehmen: dass die Nation unhinterfragt als Konstante zur Erklärung oder Segmentierung verwendet werden kann. Dagegen argumentiert Beck. Zum Beispiel ist diese Perspektive (per Gesetz) festgeschrieben in den amtlich-statistischen Erhebungen.
Rene am 12. Oktober 2008, 01:42 Uhr
kann es sein dass Beck in etwa den selben Vortrag bereits vor 4 Jahren in München gehalten hat? Ok, stärkerer Fokus auf die Methoden und noch ein bisschen überarbeitet, aber sonst ein alter Hut? Ich war (obwohl ich mir von U.Beck nicht viel erwartete) enttäuscht.
Weltenkreuzer am 12. Oktober 2008, 15:40 Uhr
Ich denke auch, dass die Soziologie nationale Grenzen nicht mehr als eigene “Wasserscheiden der Wahrnehmung” verstehen darf, sie aber auf jeden Fall noch als “Wasserscheiden der Wahrnehmung” eines großen Teils der Gesellschaft erfassen muss.
DGS-Kongress 2008 in Jena: Kompletter Presse- und Blogspiegel zum Soziologenkongress « homo sociologicus am 17. Oktober 2008, 12:12 Uhr
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