18
Jun
Dinge gut machen
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mir fällt immer mehr auf, dass es oft, vielleicht zu oft, darum geht, Dinge "irgendwie" zu tun. Sätze wie "Ich muss das noch irgendwie hinbekommen.", "Schaffen Sie das irgendwie bis morgen Abend?" oder "Ich schaff das schon irgendwie" gehören heutzutage zum Alltag. Aber sollte es nicht eigentlich viel mehr darum gehen, Dinge "gut" zu erledigen? Warum fehlt heute eigentlich die Zeit, Dinge wirklich gründlich und qualitativ hochwertig durchzuführen? Immer mehr engen knappe Fristen, Überlastung und schlechtes Zeitmanagement den Zeitplan ein, sodass am Ende zwar vieles "irgendwie" geschafft wird, aber nichts mehr wirklich "gut".
Ist das überhaupt ein Problem? Ich denke schon, denn gerade Kreativität braucht Zeit. Um neue Wege zu entdecken, neue Techniken zu entwickeln oder bestehende zu perfektionieren, braucht man Zeit und die Gelegenheit, auf den ersten Blick unproduktive Dinge zu tun. Ansonsten kann man sich nur auf Bekanntes verlassen, von dem man weiß, dass es einem hilft, Dinge "irgendwie" zu tun. Um Fortschritt zu erreichen, egal ob in der Gesellschaft oder für den Einzelnen, ist diese Kreativität unabdingbar. Wer sich nur auf Etabliertes verlassen kann, weil ihm keine Zeit bleibt, Dinge kreativ und gut zu erledigen, der kann sich nicht weiter entwickeln und verharrt am selben Ort.
Ellen am 19. Juni 2008, 04:17 Uhr
Ich stimme dir dahingehend zu, dass es tatsächlich nicht gut ist, dass immer nur alles “irgendwie” hinzukriegen.
Aber interessant wäre es doch, hier nach den Gründen zu fragen, wovon mir spontan gleich zwei einfallen:
1) Zeitnot, das ist der profanere Grund. Wir leben in einer Welt, in der alles jetzt und sofort geschehen muss. Wenn einer etwas schnell und gut hinkriegt, müssen alle es auch schnell schaffen - die Qualität fällt da leicht unter den Tisch.
2) Schutz des eigenen Selbstbildes, und das ist, wie ich finde, der interessantere Grund. Wenn wir etwas nur “irgendwie” hinkriegen wollen, können wir uns einreden, dass wir es besser geschafft hätten, wären wir fleißiger oder die Umstände besser gewesen. Wird es dann wider Erwarten sogar gut - umso besser, wir sind genial, wir schaffen die Dinge so richtig gut, wenn wir uns keine Mühe geben!
Stecken wir aber in eine Sache Mühe und Herzblut, und sie misslingt, nagt das ganz schön an uns.
Und gerade in einer Gesellschaft (oder vielleicht sogar einer Welt?), in der Erfolg fast schon eine Kardinaltugend ist, können wir uns Versagen eigentlich nicht leisten.
Was meinst du dazu?
Marc | Wissenswerkstatt am 19. Juni 2008, 10:24 Uhr
Deine Einschätzung, Nils, deckt sich durchaus mit der meinigen. Doch die große Frage ist: was können wir dagegen tun?
Irgendwie “spielt” man ja doch mit und hört sich selbst sagen: “Ja, ich bekomm das (irgendwie) hin…” - ahnend, daß man den Text nicht bis zum nächsten, sondern erst zum übernächsten Tag wirklich durchdacht wird abliefern können.
leicesterschwester am 19. Juni 2008, 12:51 Uhr
Ich denke, dass du großteils Recht hast. Die Zeit, Dinge wirklich gut zu machen, fehlt. Und - zumindest ich - brauche Zeit zum Kreativsein. Aber auf der anderen Seite puscht mich Zeitnot unheimlich. Je mehr Zeitnot ich habe, desto besser werden meine Ergebnisse und desto produktiver kann ich arbeiten. Mit dem kleinen, aber entscheidenden Unterschied: ich mir diesen Zeitdruck selbst machen.
Das Problem, was hinter dem von dir geschilderten Zeitdruck steht, ist vielmehr, dass andere mit diesen Deadlines und diesem Anspruch über deine Zeit entscheiden und bestimmen. Weil man in diesem Netz aus perfekt sein zu wollen, in Konkurrenz zu gehen und gefallen zu wollen gefangen ist, ist es schwierig zu sagen, dass man etwas nicht bewerkstelligen kann bis zum gesetzten Termin. Die Termine sind so strikt, weil der Mensch immer mehr in den Hintergrund rückt und die zu erledigende Arbeit in den Vordergrund. Dabei ist doch die Arbeit im Endeffekt für den Menschen. Aber das eigene Handeln resultiert daraus, dass man im Netzwerk der Menschen einen bestimmten Status haben möchte. Ein bisschen paradox…
Gut Ding will Weile haben « Leicesterschwester am 19. Juni 2008, 12:59 Uhr
[…] Weltenkreuzer […]
Ellen am 19. Juni 2008, 14:30 Uhr
“Dabei ist doch die Arbeit im Endeffekt für den Menschen.”
Aber zwischen unserem Nutzen und dem, was wir tun, liegen so viele Stationen, dass es für uns gefühlsmäßig nur noch schwer erreichbar ist.
Beispiel: Ich beschäftige mich momentan mit dem Marketing von LKWs. Die Arbeit ist glücklicherweise interessant und die Leute nett, also habe ich schon allein eine intrinsische Motivation, das, was ich tue, gut zu machen. Aber zwischen dem, was ich tue und dem, was mir der Verkauf von LKWs bringt (nämlich, dass Güter besser transportiert werden können und mich so besser erreichen, ich also meinetwegen schneller und frischer an Obst komme, was wiederum für meinen Genuss gut ist) liegen extrem viele Stationen.
Ich sehe glücklicherweise einen Zusammenhang zwischen mir und meinem Nutzen (oder auch allgemeinem Nutzen), und so macht für mich meine momentane Arbeit Sinn.
Was aber ist mit Menschen, die nicht mehr sehen, wofür sie arbeiten? Warum sollten sie ihre Arbeit gut machen?
leicesterschwester am 23. Juni 2008, 11:48 Uhr
Wahrscheinlich kommt dann daher der Dienst nach Vorschrift in manchen Büros.
Als ich noch Arbeitslose beraten habe, habe ich mich allerdings auch manchmal gefragt, warum ich das eigentlich mache. Von den vielen Menschen, die wir mit Jobcoaching, Bewerbungstraining und Beratungsgesprächen unterstützt haben, haben nur sehr wenige einen Job bekommen. Und viele wollten auch gar nicht arbeiten.
Meine Überzeugung, dass es richtig ist, diese Arbeit zu machen, hat meine Motivation gerettet - bis ich einen neuen Job hatte
speybridge am 8. Juli 2008, 09:55 Uhr
Diese Diskussion darüber, Dinge gut tun zu wollen und dem auch einen eigenen Wert zuzubilligen, finde ich enorm wichtig.
Soweit ich die beteiligten Kommentator(inn)en kenne, handelt es sich bei allen um junge Erwachsene ohne Familie. Dass bei Euch selbst jetzt schon, in dieser “entspannten” Situation, das Problem auftritt, dass man viele Sachen wegen des Druckes nur noch “irgendwie” machen und schaffen kann, erschreckt mich aber dann doch sehr und verstärkt meinen Eindruck, dass das Lebenskorsett, in das wir gepresst werden sollen, kein wirklich eigenes, lebendiges Leben mehr ermöglicht.
Man stelle sich die eigene angespannte Situation einmal vor, “verschärft” durch eine Familie mit zwei Verdienern, ein oder zwei Kindern und gar einem eigenen Haus mit Garten und Hund und Katze.
Wie soll das gehen?
Der Hinweis auf verbesserte Kinderverwahrmöglichkeiten bringt nicht wirklich weiter. Beide Eltern haben Konferenzen oder Außendienst, ein Kind wird plötzlich krank, die Schule ruft an wg. eines akuten Problems, der Hund kotzt oder die Heizung fällt aus.
Muss man “irgendwie” im Terminkalender noch eine Zeit festmachen, um irgendwie und irgendwann dann doch mal mit einem Kind zu reden, den Rasen zu mähen, den Zaun zu streichen oder die Eltern zu besuchen? Wo bleibt die Partnerschaft? Wo bleibt der Spaß am Tun? Am Leben?
Ich habe keine Lösung. Mein eigenes “mittelmäßiges” Frauenleben, in dem ich letztlich auf “Karriere” verzichtet habe, oft zu Hause war und ansonsten zwischen mehr oder weniger guten Jobs und Familie hin- und hergerissen, ist für Frauen von heute auch letztlich wahrscheinlich keine Option mehr (für Männer war’s das nie) - obwohl ich für eigene Dinge dadurch tatsächlich Zeit hatte, die ich auch genutzt habe.
Es wird nicht ohne eine klare Prioritätensetzung, wie auch immer sie aussieht, gehen, um ganz individuelle eindeutige (vielleicht unpopuläre, nachteilbringende) Entscheidungen. Sonst wird man gehetzt und gelebt und kommt aus dem Dilemma nie heraus. Es wird sich nur verschärfen.
Ganz schön schwierig.
Speybridge » Blog Archive » Fragen! Antworten? am 8. Juli 2008, 10:36 Uhr
[…] Weltenkreuzer gibt es eine interessante Diskussion zum Thema “Dinge gut machen - und nicht aus Zeitdruck […]
Bettelprinzessin auf Reisen » Blog Archiv » Dinge zu Ende bringen am 10. Juli 2008, 06:56 Uhr
[…] Wenn man etwas nur irgendwie macht, tut es auch nicht weh, wenn es nicht gut wird. Man kann sich ja immer sagen, dass man das besser geschafft hätte, wenn man sich nur mehr Mühe gelegen hat. Es liegt eben nicht daran, dass man schlecht ist - man war nur faul. […]