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Nov
Was die Wissensgesellschaft braucht…
Die “Wissensgesellschaft” ist einer der zentralen Begriffe wenn es um die Analyse der Charakteristika der heutigen Gesellschaften geht. Es geht nicht mehr in erster Linie um Nahrungserzeugung oder Güterproduktion. Diese sind in den Hintergrund getreten vor einem neuen Rohstoff: dem Wissen.
Wissen scheint die treibende Kraft allen Fortschritts zu sein: Es treibt Wirtschaftswachstum und Wohlstand, verlängert Leben und verbessert die Lebensqualität, fördert das Verständnis der Natur und macht den Menschen glauben, er könne sie beherrschen. Auch in Deutschland steht das Wissen und die “Wissensgesellschaft”, zumindest rhetorisch, im Mittlepunkt der politischen Diskussion und Aktivität. Die Lissabon-Strategie der EU und die Kampagne “Land der Ideen” setzen am Wissen an und schreiben ihm fast schon Allmacht zu.
Aber befassen wir uns mal mit der Realität abseits dieser Rhetorik: Damit Wissen in die Gesellschaft eingehen kann bedarf es zweierlei: Es muss produziert werden und es muss einen Weg finden, auf das Leben der Menschen Einfluss zu nehmen. Für Ersteres ist die Wissenschaft, egal ob öffentlich oder privat finanziert, zuständig. Sie schafft das Wissen, das der Rohstoff der Moderne zu sein scheint. Also müsste man davon ausgehen können, dass alle politische Rhetorik dazu führt, die Fähigkeit der Wissenschaft, ihrer Arbeit nachzugehen, zu verbessern. Dass dem, zumindest im universitären Bereich, nicht so ist, habe ich anderer Stelle ausgeführt (Risikofaktor Wissenschaft) und kann das nach nun immerhin einem Monat konkreter Erfahrung im Wissenschaftsbetrieb nur aufrecht erhalten.
Für die Verbreitung (Soziologenchinesisch: “Diffusion”) des Wissen gibt es, in meinen Augen, zwei Mechanismen: Die Wirtschaft, die neue Erkenntnisse in Produkte umsetzt und mit diesen das Leben der Menschen beeinflusst, und die Medien, die Wissen in seiner “reinen Form” verdichten, einordnen und der Allgmeinheit zugänglich machen sollten. Doch in den Medien scheint sich, wie in der Wissenschaft auch, eine große Gruppe qualifizierter und motivierter junger und weniger junger Menschen zu entwickeln, die von ihrer Arbeit nicht leben können. So beschreibt Gabriele Bärtels in einem Artikel in der ZEIT (Schreiben macht arm) ihren täglichen Kampf um Veröffentlichungen, Zeilenhonorare und die nächste Mietzahlung.
Kann es angehen, dass in dermaßen wichtigen Bereichen in unserer “Wissensgesellschaft” solche Verhältnisse vorherrschen? Dass Menschen, die ihr Leben in den Dienst eines fundamentalen Pfeilers der Gesellschaft stellen, unter solchen Bedingungen leben und arbeiten müssen? Wie kann man erwarten, dass sich qualifizierte Hochschulabgägner für Karrieren entscheiden, deren Aussichten dermaßen ungewiss sind, während Unternehmen mit (zumindest auf dem Papier) langfristigen Verträgen, Entwicklungsperspektiven und angemessenen Gehältern locken? Natürlich, der Idealismus gleicht vieles aus, aber vielleicht ist irgendwann der Zeitpunkt gekommen, wo sich die Leute sagen: “Macht euren Mist doch alleine!” Und dann ist das Geschrei groß…
Motje am 24. November 2007, 12:51 Uhr
Danke, Nils, für diesen Beitrag. Er trifft genau meine Meinung.
Und wenn ich es noch ergänzen darf: Es ist nicht nur so, dass die Menschen, die sich während ihres Studiums für eine wissenschaftliche Laufbahn entschieden haben, oft daran scheitern. Es wird auch von der Gesellschaft erwartet, dass sie sich dann klaglos in das Wirtschaftsystem einfügen - egal, ob der dann ausgeführte Job passend ist oder nicht.
Außerdem ist dem größten Teil unserer Gesellschaft ja gar nicht bewusst, wie wichtig die Forschung ist. Zumindest bei den Geisteswissenschaften wird ja sogar unter einigen Wissenschaftlern die Notwendigkeit angezweifelt. Und von den Menschen auf der Straße wird der junge Wissenschaftler als Luftikus gesehen und auf dem Arbeitsamt mit sehr großen Augen angeguckt.
Fischer am 1. Dezember 2007, 21:28 Uhr
Im Grunde zeigen derartige Beispiele doch vor allem, dass es sich um alles andere als eine Wissensgesellschaft handelt.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Wissen und Bildung bestenfalls als notwendige Übel betrachtet werden.