25

Jan

Trivialität oder Emotionalität?

Auf faz.net findet sich eine Kritik zum Konzert der Band Juli am 24. Januar in Köln, die gleichzeitig ein wenig nach einem vorwursvollen “die jungen Leute heutzutage” klingt. Eric Pfeil schreibt von Trivialität, von “teestubig vorgetragenen Poesiealbumstexten” und von “harmlos poprockenden Klängen”. Er bemängelt fehlende Aufmüpfigkeit und Rebellion.

Ich selber habe beide Alben der Band und bin hin und her gerissen. Es stimmt, die Texte klingen ein wenig nach Poesiealbum und auch musikalisch zeichnen sich Juli nicht gerade durch hohe Komplexität aus und trotzdem gelingt es einigen Liedern immer wieder, mich zu packen. Vielleicht, weil sie einen Nerv treffen. Nicht nur bei mir, sondern auch bei all ihren Fans. Ich möchte hier gerade die Lieder als positive Beispiele anführen, die Pfeil in seinem Artikel kritisiert und zwar anhand derselben Zitate:

Geile Zeit:

Die Nächte kommen - die Tage gehen
Es dreht und wendet sich
Hast du die Scherben nicht gesehen
Auf denen du weitergehst


zitiert Pfeil hier den Text. Er sieht darin eine Erinnerung an die vergangene Jugend und “Pusteblumen-Melancholie”.

Für mich sagen diese Zeile, in Kombination mit ihrem musikalischen Ausdruck, etwas ganz anderes: Es geht um Abschied nehmen und loslassen können, um Hoffnung und, vor Allem, um die Zukunft. Sie propagieren das Aufstehen nach dem Fall und verteufeln die Resignation. Also rundum positiv und zukunftsgewandt, anstatt passiv-melancholisch und bedauernd.

Ein Neuer Tag:

Ich stehe ganz allein
Ich gehe über neu gestellte Weichen
Über Zäune
Über Leichen
Über Los, Los,Los
Ich gehe ganz allein

Auch hier geht es, in meinen Augen, nicht, wie Pfeil es schreibt, um “karrieristische Angstlosen-Rhetorik”, sondern um Aufbruch zu neuen Ufern, Mut und Energie. Es geht um Gestaltung und Kraft, um Unabhängigkeit und Individualität. (Auch wenn sich über die Zeile “über Leichen” sicherlich streiten lässt.) Und auch hier taucht wieder das Motiv des Aufstehens nach dem Fall auf.

Meiner Meinung nach sind Bands wie Juli, die mit relativ einfachen Mitteln dermaßen emotionale und wichtige Themen ansprechen, heutzutage mindestens genauso wichtig, wie anspruchsvolle, gesellschaftskritische und rebellische Bands. Sie bieten einen Anker, eine Fixierung, wie sie in der heutigen Welt ansonsten kaum noch zu finden ist.

Rebellion erfordert Reflexion, Reflexion erfordert Kenntnis und Kenntnis erfordert Verankerung. Und Bands, wie bespielsweise Juli, können dabei helfen, diese Verankerung zu schaffen. Unsere heutige Welt ist dermaßen komplex, reich an Herausforderungen und Stolperfallen, während sie gleichzeitig wenige Fixpunkte bietet, dass das, was Emile Durkheim “Anomie” (Werte- und Orientierungslosigket) nennt immer mehr einzutreten scheint. Lieder, wie die von Juli, können hier Grundlagen bieten und Hoffnungslosogkeit und Resignation (gerade bei den zitierten Liedern) entgegenarbeiten. Wer über eine “passive Jugend” schimpft, der sollte gerade auf solche Bands achten, die Aktivität, Lebensfreude und individuelle Kraft in den Mittelpunkt ihrer Texte stellen.

Natürlich wäre schön, wenn jeder Mensch sich, im Sinne einer perfekten Aufklärung, alle seine Ziele, seine Werte und Meinungen durch kritische Fakten-Reflexion selber erarbeitet. Aber dies ist, in meinen Augen, schlicht und ergreifend nicht möglich oder übersteigt zumindest die geistige und vor Allem emotionale Leistungsfähigkeit der Allermeisten. Klare, unverschlüsselte Botschaften, einfache Emotionen und direkte Ansprache können hier Wunder wirken.

Eine Welt, die von den Meisten ohnehin schon als zu kompliziert und undurchschaubar gesehen wird, in “intellektuell anspruchsvollen” Liedtexten weiter zu verkompliziern und verklausulieren ist sicherlich auch(!) notwendig und mag dem “Kulturkritiker” eher gerecht werden, es macht, aus der Sicht des “Gesellschaftsbeobachters” aber den zweiten Schritt vor dem ersten.


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2 Kommentare (RSS)

  1. Ellen am 15. Dezember 2007, 18:54 Uhr

    Das machst du toll! *knuddel*

  2. Ellen am 15. Dezember 2007, 18:57 Uhr

    Im Übrigen kann man die Zeile “Über Leichen” auch folgendermaßen verstehen:
    Gelegentlich ist es zum Erreichen der eigenen Ziele unumgänglich, einen anderen Menschen zu verletzen, so schlimm das auf den ersten Blick klingt. Ein gutes Beispiel dafür ist das Ende einer Beziehung. Brächte es dem anderen mehr, wenn man bei ihm bliebe, unglücklich?
    Ich finde ohnehin, dass es keinem Kritiker wirklich zusteht, zu bewerten, wie positiv oder negativ ein Sachverhalt zu verstehen ist. Insofern verstehe ich den Text ähnlich wie Pfeil, versuche nur, mich mit meiner Wertung zurückzuhalten.

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