Kategorie: Wissenschaft

12

Okt

DGS: Das war’s. Bis 2010

Ein wenig verspätet auch mein Abschlussbericht vom Kongress in Jena: Schön war’s und bei weitem nicht so anstrengend, wie vor zwei Jahren in Kassel. Die inhaltliche Qualität und der Vortragsstil schwankten wie  immer, aber alles in allem war es eine schöne Woche. Die Impulse aus der letzten Sitzung zu Macht im Web 2.0 werde ich in der nächsten Zeit noch in separaten Beiträgen aufgreifen.


9

Okt

DGS: Das unerforschte Europa

Auch wenn die Europäische Union und die damit verbundenen Veränderungen nun schon seit mehr als 50 Jahren existieren, hat mir die Ad-Hoc-Gruppe heute Nachmittag doch mal wieder deutlich vor Augen geführt, wie viel Forschungsbedarf in diesem Bereich noch besteht. So viele Fragen sind immer noch unbeantwortet, dass es mehr als ein Leben dauern würde, sie auch nur aufzuschreiben.

Da hab ich mal wieder gemerkt, dass das ein wirklich spannendes Gebiet ist und dass ich mich dort einbringen möchte. Nun heißt es in den nächsten Wochen: lesen, lesen, lesen um wieder einen richtigen Überblick über das Forschungsfeld zu gewinnen und dann mein Thema zu suchen. Es soll irgendwas mit Grenzen zu tun haben und mit den Menschen, die in der Nähe der Grenzen leben. Wie oder was genau? Wir werden sehen…


6

Okt

DGS: Soziologie - global gedacht

Vortrag Nummer zwei an diesem Abend stammte von Ulrich Beck. Ihm ging es in erste Linie darum, aufzuzeigen, vor welchen Herausforderungen die Soziologie der nächsten Jahrzehnte steht. Dabei ist ihm insbesondere die zunehmende Entgrenzung wichtig, durch die die klassischen nationalstaatlichen Grenzen in der Soziologie im Prinzip nicht mehr aufrecht erhalten werden können. Allerdings ist nahezu die gesamte soziologische Methodik und Theorie noch auf einen klassischen abgegrenzten Nationalsaat ausgerichtet, ein Umstand, den er als “methodologischen Nationalismus” bezeichnet.

So werden soziale Ungleichheiten beispielsweise meist nur auf nationaler Ebene betrachtet: Deutsche Arbeiter vergleichen sich mit deutschen Angestellten, polnische Landbewohner mit polnischen Stadtbewohnern, spanische Frauen mit spanischen Männern. Tatsächlich entwickelt sich jedoch immer mehr ein Bewusstsein, dass auch Menschen außerhalb des eigenen Landes einen Vergleichsmaßstab darstellen können. Um mit diesen Veränderungen umgehen zu können, muss die Soziologie ein neues Instrumentarium entwickeln, das sich nicht mehr an der Fiktion des Nationalstaats orientiert, sondern das mit sozialen Gruppen auch ohne diese nationale Verankerung umgehen kann, eine Herangehensweise, die Beck als “methodologischen Kosmopolitismus” bezeichnet.

Dabei geht er jedoch, in meinen Augen, zu sehr davon aus, dass die nationale Ebene tatsächlich ab einem gewissen Punkt vollkommen irrelevant wird. So beschreibt er nationale Grenzen zwar als “Wasserscheiden der Wahrnhemung” der Soziologie, hinter die sie nicht blicken könne, lässt aber gleichzeitig außer acht, dass auch die Menschen, die Ungleichheiten wahrnehmen, ihre Wahrnehmung an nationalen Grenzen ausrichten. In meinen Augen ist es nämlich keineswegs so, dass ein “globaler Gerechtigkeitsmaßstab” bereits vollkommen etabliert ist. Vielmehr denke ich, dass dieser lediglich ein theoretisches Konstrukt ist, das der distanzierten Perspektive der Wissenschaft entspringt: Weil es so scheint, dass es keinen rationalen Grund für die Menschen mehr gibt, sich lediglich auf nationaler Ebene zu orientieren und zu vergleichen wird angenommen, dass sie es auch nicht mehr tun. Dass diese Annahme gerechtfertigt ist, wage ich zu bezweifeln.


6

Okt

DGS: Die Vernunft der Soziologie

Einen ersten durchaus interessanten Vortrag lieferte Hans-Georg Soeffner, der seine Ansicht darüber darlegte, in welcher Herangehensweise die Zukunft der Soziologie liegt und wie diese sich selbst verstehen muss, damit sie einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung leisten kann. Kontrovers an dem Vortrag war in meinen Augen die Forderung Soeffners, die Soziologie solle vor dem Hintergrund sorgfältiger Studien und historischer Beobachtungen Handlungsalternativen anbieten, die es der Gesellschaft ermöglichen die aktuellen und zukünftige Krisen zu überstehen und so einen praktischen Beitrag zur Zukunft der Gesellschaften leisten.

Ich will nicht abstreiten, dass die Soziologie in der Zukunft einen wichtigen Beitrag leisten kann, aber ich sehe diesen nicht in der Bereitstellung von Handlungsoptionen. Einfach aus dem Grund, da sich die Soziologie als Wissenschaft eine Distanz gegenüber ihrem Gegenstand bewahren muss und es problematisch wird, wenn sie versucht, ihn eigenständig zu verändern. Vielmehr muss es darum gehen, diejenigen, die über die Mittel verfügen, die Gesellschaft der Zukunft mitzugestalten, für soziologische Themen, die soziologische Herangehensweise und die Ergebnisse soziologischer Forschung zu sensibilisieren, so dass wissenschaftliche Erkenntnisse einen größeren Einfluss auf die gestalterischen Prozesse der Zukunft nehmen können. Wohlgemerkt, wissenschaftliche Erkenntnisse, nicht Wissenschaftler.


6

Okt

DGS: Der erste Tag

So, nachdem ich kaum wieder halbwegs in Oldenburg angekommen bin, verschlägt es mich schon wieder in die Ferne. Diesmal zum 34. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie nach Jena. Was passiert auf so einem Kongress? Hier treffen sich, in erster Linie deutsche, Soziologen, stellen in verschiedenen Arbeitsgruppen ihre aktuellen Forschungen vor und betreiben intensives “Networking”. Das Oberthema dieses Jahr ist “Unsichere Zeiten”, doch die Themen der Sitzungen reichen von Mechanismen sozialen Wandels über Migration bis hin zur Soziologie der Fans. Im Vergleich zum Kongress 2006 in Kassel scheint mir das Programm jedoch deutlich dünner und auch weniger vielfältig, was zwar einerseits zu einem klareren Fokus der Veranstaltung führt, andererseits aber auch die Auswahl an Veranstaltungen ein wenig einengt.

Ich werde mich also bis Freitag bemühen, mich immer mal wieder zu Wort zu melden und das W-LAN der Uni Jena dazu zu nutzen, euch Eindrücke, Berichte und Impulse zu liefern. Momentan sitze ich in der Ferienwohnung, die ich mir in dieser Woche mit bis zu fünf Kollegen teile, und werde gleich mein Handy-Modem zum ersten Mal im Ernstfall testen.


31

Jul

Wissenschaftliches Geschnetzeltes?

Niemand kann heute auch nur annähernd in allen Wissensbereichen auf dem Laufenden sein. Nicht nur die gesellschaftlichen Funktionssysteme, sondern auch die verschiedenen Teilbereiche haben sich mittlerweile so weit ausdifferenziert, dass wahre Meisterschaft nur noch in einem Bereich erreichbar ist. Und so sieht auch die deutsche Wissenschaft momentan aus: Unter einem Mantel aus “etablierten Disziplinen” wie Mathematik, Philosophie, Geschichte, Anglistik oder Soziologie haben sich mittlerweile tausende spezialisierte Teilbereiche entwickelt, die sich mit einem ganz engen Wissensbereich befassen. Sei es die Systemtransformation und Rechtsangleichung im zusammenwachsenden Europa, Wechselwirkung von Struktur und Fluid oder  Wege der Repräsentationen, Transformationen und Transfers. Europa vom Mittelalter zur Moderne, Forschungsgebiete sind mittlerweile so spezifisch, dass der aktuelle Stand der Forschung nur von wenigen Wissenschaftlern überblickt werden kann. Auch wenn diese Spezialisierung im Bereich der Wissenschaft unumgänglich scheint, so stellt sie die Produktion von relevantem Wissen doch vor ein großes Problem, denn: Science is divided into disciplines, life is not (Czarniawksa 2001: 259).

Dabei ist das Problem weniger, dass der Organisationssoziologe nicht weiß, was der Sportsoziologe tut, sondern dass er wenig auf die Organisationspsychologen und die Kommunikationswissenschaftler hört, dass alte, mittlerweile überholte, Fachgrenzen zwischen Soziologie, Psychologie und Germanistik bestehen bleiben. Sie sind allerdings nur noch durch die Historie, die Methodik und den inhaltlichen Schwerpunkt zu rechtfertigen, und nicht mehr durch das untersuchte Objekt.

Es muss also darum gehen, die bestehenden disziplinären Grenzen aufzulösen und die Differenzierung nicht mehr an historisch institutionalisierten Grenzen zu vollziehen, sondern anhand der untersuchten Objekte. Ein Beispiel hierfür sind die Kommunikationswissenschaft, die sich langsam aus dem Bereich der Literaturwissenschaften hinaus bewegt und auch psychologische oder soziologische Anstöße aufnimmt, oder die Europaforschung in der sich Jura, Wirtschafts-, Sozial- und Kulturwissenschaften zusammenfinden. Leider gibt es nur weniger solcher Beispiele, denn die disziplinären Grenzen bleiben manifest und Schnittstellendenker haben es schwer, im Wissenschaftsbetrieb Fuß zu fassen. Oder, wie Richard Münch es in einem aktuellen FAZ-Artikel formuliert:

Die wesentliche strukturelle Ursache dafür besteht darin, dass die deutsche Universität wie ein Bollwerk den Kern ihrer Disziplinen bewahrt hat, spiegelbildlich dazu aber die soziale und kognitive Öffnung bis heute nur als einen Widerspruch zu ihrer Tradition erlebt, den sie nicht aufzuheben vermag.

Es bleibt zu hoffen, dass sich der Öffnungsprozess zumindest langsam fortsetzt, denn der deutschen Forschung wären andernfalls in den nächsten Jahren und Jahrzehnten enge Grenzen gesteckt.

Quellen:
Czarniawska, B. (2001):  Is it Possible to be a Constructionist Consultant? In: Management Learning 32, S. 253-266.


29

Mär

Wissenschaftethik und geschlossene Räume im Internet

Das Internet ist schon seit einiger Zeit in das Blickfeld der Wissenschaft gerückt, und auch das “Web 2.0″ wird immer mehr zu einem wichtigen Forschungsgegenstand der Kommuunikationswissenschaft. Die neuen sozialen Netzwerke wie StudiVZ und SchülerVZ unterscheiden sich jedoch in einem wichtigen Punkt von dem klassischen Internet: Der Zugang zu ihnen ist beschränkt. Wie es auch in der realen Welt Räume gibt, die nur bestimmten Personen zugänglich sind (Unternehmen, Ministerien, Exklusive Clubs usw.), finden sich auch im Internet immer mehr “virtuelle Räume” bei denen es Zugangsbeschränkungen zu beachten gibt.

Jan Schmidt vom Hans-Bredow-Institut in Hamburg zeigt diese Problematik am Beispiel des StudiVZ-Ablegers SchülerVZ auf, das ein spannendes Forschungsobjekt darstellen, zu dem der Zugang jedoch nur Schülern erlaubt ist (Forschungsethik im Social Web - Bitte um Mitarbeit). Natürlich könnten sich interessierte Forscher mit einem fiktiven Schüler Zugang zu dem Netzwerk verschaffen, die notwendige Einladung dafür ist schnell organisiert, aber diese Vorgehensweise wirft natürlich wissenschaftsethische Fragen auf. Daher bemüht sich Jan Schmidt nun, forschungsethische Richtlinien für die Forschung in sozialen Netzwerken zu erarbeiten.

Ich bin zwar weder Internet-Forscher, noch Kommunikationswissenschaftler, noch habe ich mich intensiv mit der Wissenschaftsethik auseinandergesetzt, aber in meinen Augen gibt es eigentlich keinen großen Unterschied zwischen realen geschlossenen Räumen und virtuellen. Auch wenn die Frage auch für die “reale Welt” nicht abschließend beantwortet werden kann, so sollte doch auch hier die eiserne Regel für Kommunikation im Internet gelten: “Tue nichts im Internet, was du nicht auch Offline tun würdest”. Bei einem Netzwerk wie SchülerVZ wäre, in meinen Augen, eine Anfrage beim Betreiber der richtige Weg, ob dieser einen Zugang für die Wissenschaftler erlauben kann. Ob ein “Einschleusen” durch einen fiktiven Account oder die Nutzung des Zugangs eines Schülers, der diesen dafür zur Verfügung stellt, vetretbar wären, ist schwierig zu sagen und hängt, in meinen Augen, von der Art der Forschung ab und von ihrem Potenzial, den Nutzern oder den Betreibern des Netzwerks Schaden zuzufügen, oder ihr Vertrauen zu missbrauchen.


8

Mär

Die USA - Das gelobte Land der Wissenschaft?

Dass in Deutschland in der Wissenschaft einiges im Argen liegt, habe ich ja schon mehrfach kritisiert (Warum sollte man Wissenschaftler werden?, Was die Wissensgesellschaft braucht…, Risikofaktor Wissenschaft), aber anscheinend gibt es in den USA eine ähnliche Entwicklung, auch wenn das, was Physikprofessor Jonathan I. Katz in seinem Essay "Don’t become a scientist!" beschreibt, für deutsche Verhältnisse noch nahezu paradiesisch klingt…


4

Mär

Wenn die Wissenschaft mal nicht erklärt

Was ist eigentlich der Sinn von Wissenschaft? In aller Regel geht es darum, Dinge zu erklären, Ursachen zu finden und zu verstehen, warum bestimmte Dinge so sind, wie sie sind, und nicht anders. Manchmal zeigt die Wissenschaft aber auch, dass es nichts zu erklären gibt, dass bestimmte Phänomene schlicht und ergreifend ein Ergebnis des Zufalls sind.

Nachdem im 19. Jahrhundert bereits das Primat des Menschen über andere Lebewesen als Mythos entlarvt wurde, zerstören Erkenntnisse von zwei Physikern aus Dortmund und Münster eine weitere Grundlage des menschlichen (nagut, vielleicht auch überwiegend männlichen) Denkens: Zerstörte Bundesliga-Mythen


17

Feb

Warum sollte man Wissenschaftler werden?

Geld ist sicherlich nicht alles, aber man sollte erwarten können, dass hochqualifizierte Menschen, die ihr Leben in den Dienst der Wissenschaft stellen möchten und die es schaffen, sich in einem knochenharten Konkurrenzkampf gegen andere Wissenschaftler durchzusetzen und mit 40 Jahren zum ersten Mal eine unbefristete Stelle zu besetzen, finanziell abgesichert sind. Dass dem keineswegs so ist, zeigt Malte Dahlgrün, dass die neue W-Besoldung dazu führt, dass das Gros der neu berufenen Professoren kaum mehr verdient als ein Realschullehrer gleichen Alters, mit dem zentralen Unterschied, dass der Professor 20 Jahre akademischer Ausbildung, verbunden mit finanziellen Einschränkungen und Risiken, hinter sich hat, während der Lehrer im Normalfall bereits seit einigen Jahren verbeamtet ist.

Wieso sich überhaupt noch hochqualifizierte Menschen dafür entscheiden, in der Wissenschaft zu arbeiten, habe ich bereits an anderer Stelle ausgeführt (Risikofaktor Wissenschaft), aber es mag kaum verwundern, wenn viele überlegen, dem "Wissenschaftsstandort Deutschland" den Rücken zu kehren und beispielsweise in der Schweiz zu arbeiten (Der Zug ins gelobte Land). Denn schlecht sind sie keineswegs ("Deutsche Forscher sind einfach gut"), aber sie werden hier nicht wertgeschätzt, zumindest nicht in der Art, die ihnen ein gesichertes Leben ermöglichen würde. Vielmehr müssen sie sich zwanzig Jahre lang von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln, so dass sie nie wissen können, wo sie in zwei Jahren sein werden und Umzüge oder Wochenendpendeln gehören zum Alltag.

Und wem es gelingt, mit Anfang 40 auf eine Professur berufen zu werden, der muss weiter darum kämpfen, im Laufe der Jahre auch Gehaltserhöhungen zu bekommen, da es keine automatischen Anhebungen gibt, sondern diese nur in besonderen Fällen mit den Hochschulen ausgehandelt werden können. Nur die vertragliche leistungsbezogene Vergütung kann hier ein wenig einen Ausgleich schaffen, denn echte Verhandlungen sind nur während Berufungsprozessen möglich.

Noch bin ich motiviert wissenschaftlich zu arbeiten, aber ich muss gestehen, dass meine Lust immer weniger wird. Nicht wegen der Arbeit, ich liebe die wissenschaftliche Arbeitsweise und könnte mir sehr gut vorstellen, das noch einige Jahre oder gar Jahrzehnte fortzusetzen, aber ich möchte irgendwann auch an den Punkt kommen, an dem ich finanziell abgesichert bin und mich nicht mehr alle zwei Jahre fragen muss, wie es nun weitergeht. Ich denke, das ist nicht zuviel verlangt, aber die Wissenschaft scheint in Deutschland momentan keine sonderlich hohe Priorität zu genießen. Entgegen aller Ankündigungen…

(Via: Wissenswerkstatt | Existenzrisiko Wissenschaft?)