Kategorie: Schule

27

Aug

Mann und Frau - eine unendliche Geschichte…

Dass Frauen heutzutage in der Gesellschaft benachteiligt werden ist hinlänglich bekannt und wird immer wieder gerne betont. Ich will an dieser Stelle den Spieß einfach mal umdrehen und ein paar Punkte anführen, inwiefern Männer heutzutage Frauen gegenüber benachteiligt werden:

Erziehung: Nahezu die komplette Erziehung bis zur Sekundarstufe I außerhalb der Familie erfahren Kinder - und damit auch Jungs - von Frauen. Ich kenne keine Zahlen, aber “Tagesväter”, “Kindergärtner” und “Grundschullehrer” sind in meiner Wahrnehmung auf jeden Fall Exoten und keineswegs die Regel. Eine einseitige Erziehung, fehlende männliche Rollenvorbilder und eine Dominanz von Werten, die tendenziell eher von Frauen vertreten werden. Wie es Ralf Neukirch in einem lesenswerten SpiegelOnline-Artikel pointiert ausdrückt:

Dazu gehört die Überzeugung, dass Verhalten, das typisch männlich ist - oder als solches gilt -, schlecht ist. Jede harmlose Schulhofrangelei steht mittlerweile unter Gewaltverdacht und wird unterbunden. Natürlich ist es sinnvoll, kleinen Jungen zu erklären, dass Schlagen keine Lösung ist. Aber muss bei jeder Rauferei gleich der Konfliktlotse angerannt kommen?

Der Unterricht, schreibt der Frankfurter Bildungsforscher Frank Dammasch, sei eher an weibliche Formen des Lernens und Gestaltens angepasst. Wenn sich Jungen wie Jungen verhalten, wird dies dagegen sanktioniert.

Auch bei der Benotung in der Schule werden Jungen mittlerweile offenbar systematisch benachteiligt, indem sie für gleiche Leistungen schlechter benotet und für ihr unangepassteres Verhalten bestraft werden (Quelle)

Berufsleben: Es gibt zahlreiche Bereiche, in denen Männern Frauen gegenüber massiv unterrepräsentiert sind: Auch hier, ohne genaue Zahlen zu kennen, tippe ich auf Lehrer (insb. Grund- und Sonderschule), Arzthelfer, Pfleger, Kunst und Kultur, Kommunikation und Marketing usw. Ich warte ja immer noch auf Programme, die versuchen, Jungs für den Lehrerberuf oder die Sozialpädagogik zu begeistern…

Familie: Auch in der modernen Familie ist die Rollenverteilung eindeutig: der Mann sorgt dafür, dass die Familie gesichert ist, die Frau verdient etwas dazu, wenn sie einen Job findet. Ab einem gewissen Wohlstand hat die Frau also prinzipiell die Wahl, ob sie arbeiten, sich eine Familie “zulegen” oder sich ehrenamtlich engagieren wil, der Mann sorgt ja für das Einkommen und sein Karrierestreben sichert seinen Arbeitsplatz auch für die nächsten Jahre. Der Mann hat keine Wahl. Er muss sich in die Mühlen eines Unternehmens begeben und das Geld heranschaffen. Gleichzeitig soll er bitte noch die Rente für beide Eheparnter sichern, als “emanzipierter” Mann seinen Teil der Hausarbeit leisten und sich in der Erziehung und Betreuung der Kinder einbringen…. Wieder pointiert ausgedrückt, diesmal von der Sängerin Annett Louisan:

sie nennt ihn männlich nur wenn er ihr nützt
wenn er sie füttert, wenn er sie beschützt
wenn er nicht spurt, ist er ´n chauvinist, wenn er spaß hat ´n egoist
(er)

Schön und gut, jetzt wissen wir also, dass auch Männer Frauen gegenüber oftmals benachteiligt sind. Und nu? Werfen wir uns gegenseitig unser Leid an den Kopf und schauen, wer als erstes in die Knie geht? Hetzen wir zwei Stellvertreter aufeinander los und wer als erstes blutet verliert?

Ich glaube nicht, dass das aktuelle System von institutionalisiertem Feminismus und etablierter positiver Diskriminierung von Frauen wirklich zu einer Lösung der Probleme führt. Vielmehr müsste es darum gehen, ein Rollenverständnis zu entwickeln, dass einerseits dem Streben nach Glück jedes Einzelnen gerecht wird - egal ob Mann oder Frau - und das gleichzeitig die funktionalen Anforderungen, die unsere modernen Systeme an die Gesellschaft stellen, in angemessener Form erfüllen kann.

Grundsätzlich gibt es für ein solches System in meinen Augen zwei Möglichkeiten, zwischen denen im Grunde eine “einfache” Frage entscheiden würde: Sind Männer und Frauen nur durch ihre Erziehung unterschiedlich oder gibt es tatsächliche, systematische Unterschiede in den Interessen und Fähigkeiten von Frauen und Männern?

Wenn man annimmt, dass Frauen und Männer sich nur durch ihre Erziehung von einander “entfernen”, ist das Idealbild einfach gemalt: Alles gleich. Gleiche Erziehung, gleiche Bildung, gleiche Werte, gleiche Karrierewege… Geht man aber davon aus, dass es eben doch “den kleinen Unterschied” gibt, - und bin mir dessen, ehrlich gesagt, ziemlich sicher - wird die Sache deutlich komplizierter. Ungleiche Verteilungen auf Berufsfelder, ungleiche Aufstiegschancen usw. sind dann nämlich nicht zwangsläufig auch ungerecht und das können Feministinnen ja nun schwerlich zugeben…


2

Aug

Noten als fairer Leistungsmaßstab?

Es ist schon einige Zeit her, dass ich das letzte mal über die Aussagekraft von Noten geschrieben habe (Wissen nach Noten?), ein aktueller Artikel aus der Süddeutschen macht mal wieder deutlich, wie sehr das deutsche System auch an seiner Notengebung krankt. Heutzutage geht fast alles nach Noten: In einigen Bundesländern die Empfehlung beim Übergang zur Sekundarstufe, also die wichtigste Entscheidung in der Bildungskarriere eines Menschen, bei der Wahl eines Studienplatzes und schließlich auch bei der Bewerbung für eine Stelle. Immer wieder werden die Noten als wichtiges Kriterium für die Entscheidung herangezogen. Es stünde also eigentlich zu hoffen, dass Noten tatsächlich etwas aussagen, dass sie, wie es die Signaltheorie der Bildungsforschung es formuliert, ein verlässlicher Hinweis auf die Fähigkeiten und die zukünftige Leistung in Schule, Studium und Beruf sein können.

Ein aktueller Fall von einer bayerischen Grundschule zeigt nun, dass Noten keineswegs aussagekräftig sind und ist gleichzeitig ein erschreckendes Beispiel dafür, wie inmitten der deutschen Bildungsmisere, gute und fähige Lehrer systematisch demontiert und demotiviert werden:

Der Satz knallte ihr ins Gesicht wie eine Ohrfeige: “Sie haben sich an das Niveau der Parallelkollegen anzupassen!” Sabine Czerny, seit zehn Jahren Grundschullehrerin, konnte nicht fassen, was der Schulrat da in einer dienstlichen Unterredung befahl. Sich an das Niveau der Parallelklasse anzupassen - das hätte in ihrem Fall bedeutet, sich nach unten zu orientieren, schlechtere Resultate zu produzieren, nicht bessere.

Doch sie hatte richtig gehört: Was den Vorgesetzten aus dem Schulamt störte, war die Tatsache, dass die Kinder aus Sabine Czernys zweiter Klasse einer Grundschule im Münchner Umland so gut lernten, dass sich die Eltern der Parallelklassen beschwerten.

(Quelle: Sueddeutsche.de - Nicht zu viele Einser, bitte!)

Was soll einem dazu noch einfallen? Da ist eine Lehrerin, die sich engagiert, die ihre Schüler für das Lernen begeistert und die sich regelmäßig in Fortbildungen auf den neuesten Stand der Pädagogik versetzen lässt und dann muss sie sich anhören: “Sie sind zu gut!” Sie kann ihre Schüler nicht nach deren tatsächlicher Leistung bewerten, weil das Notenspektrum ausgeschöpft werden soll und weil es ja “nicht sein kann, dass alle ihre Schüler so gut sind”. Dabei zeigt sich hier nur mal wieder, welches Potential in jedem Kind steckt, wenn es nur ausreichend gefördert wird. Wenn es motivierte Lehrer hat, die ihm den Spaß am Lernen vermitteln und nicht vermiesen. Es zeigt jedem, dass es nicht die Kinder sind, die “zu blöd” oder “zu desinteressiert” sind, sondern dass die Schule ihnen systematisch alle Motivation nimmt, etwas zu lernen und neugierig zu sein.

Es zeigt aber auch, wie wenig aussagekräftig Noten sind, weil sie von der durchschnittlichen Leistung einer Klasse abhängig gemacht werden. Da man von der Annahme ausgeht, dass Schulnoten, genau wie Intelligenz, annähernd normalverteilt ist, kann es nicht sein, dass sich in einer Klasse die guten Noten häufen, also müssen gute Schüler schlecht benotet werden. Wer in der einen Klasse locker eine eins bekommen hätte, bekommt in einer anderen vielleicht nur eine drei. Fair, objektiv und aussagekräftig ist das bestimmt nicht.


10

Feb

Wissenschaft und Schule

Die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen ist die wichtigste Aufgabe, die sich einer Gesellschaft stellt, wenn sie sich in der heutigen schnelllebigen Welt erfolgreich behaupten will. Dabei geht es darum, es den jungen Menschen zu ermöglichen, sich in der Welt zu orientieren, kritisch zu denken und ein eigenständiges und selbstverantworliches Leben zu führen. Man sollte daher meinen, dass sich die für diese Aufgabe Verantwortlichen, seien es Politiker, Lehrer oder Professoren, die Lehrer ausbilden, aller möglichen Mittel bedienen um diese Aufgabe möglichst effektiv und effizient zu erfüllen. Ein aktuelles Beispiel zeigt aber deutlich, wie sehr alte Überzeugungen und ein starres System dazu beitragen, dass möglicherweise veraltete Techniken zum Standard in der pädagogischen Praxis gehören:

So hat der Dresdner Sozialpädagoge Hans Gängler in einer Studie aufgezeigt, dass die klassische Form von Hausaufgaben, als Wiederholung des Schulstoffes, kaum einen Einfluss auf die schulischen Leitungen der Schüler hat (Hausaufgaben sind überflüssig). Und obwohl er keineswegs der erste ist, der den Nutzen von Hausaufgaben in Zweifel zieht (weitere Literatur), ist diese Erkenntnis noch nicht in den Schulen angekommen bzw. sickert erst sehr langsam in das deutsche Bildungssystem ein. Es gibt jedoch bereits einige wenige Schulen, die versuchen, eine angemesseneren Umgang mit Hausaufgaben zu finden, der die Lernmotivation der Kinder steigert und ihnen gleichzeitig auch die Möglichkeit für umfangreichere Aktivitäten neben der Schule gibt (Besser lernen ohne Hausaufgaben).

Wenn ein Flugzeugbauer herausfindet, dass eines seiner Bauteile das Flugzeug nur schwerer macht, ohne es stabiler, schneller oder komfortabler zu machen, wird er sein möglichstes tun, dieses Bauteil aus dem Flugzeug zu entfernen. Im Bildungssystem hingegen setzen sich Innovationen nur höchst langsam durch und eine wirkliche Reform des Unterrichtsgeschehens scheint unmöglich, dabei wird sie von Tag zu Tag dringender!


31

Okt

Ganz simple Pädagogik

Was macht ein Lehrer anders, dessen Schüler ihre Freizeit damit verbringen, die Geschichte ihrer Heimatstadt zu erforschen und dabei so gut sind, dass sie regelmäßig erste Preise beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten abräumen? Das Erfolgsgeheimnis von Werner Ostendorf aus Mainz ist ganz simpel:

Machen lassen, dann klappt das schon.

Äußerst simpel, aber leider von viel zu wenigen Lehrern verinnerlicht.

(Quelle)


5

Sep

Schule zerstört Kreativität…

…lautet die These, die der britische Pädagoge und Künstler Ken Robinson in einem äußerst sehenswerten Vortrag aufstellt:

Leider kann ich den meisten Argumenten Robinsons nur zustimmen. All meine Interessen im kreativen oder künstlerischen Bereich haben sich erst entwickelt, nachdem ich nicht mehr uninspiriertem und langweiligem Kunst- oder Musikunterricht ausgesetzt war…

Durch diese systematische Zerstörung der Kreativität verliert die Gesellschaft nicht nur viele potentielle Künstler, sondern die Fähigkeit zum unabhängigen Denken und zum eigenständigen Schaffen. Verhalten und Denken werden gleich geschaltet und lediglich auf das Wiedergeben-Können eines bestimmten Fächer-Kanons beschränkt. Modern ist das nicht und sinnvoll schon garnicht…


29

Aug

Ein Licht am Ende des Tunnels

Das achtjährige Gymnasium (G8) erregt hier in Bayern immer noch die Gemüter. Da ich selber mein Abitur in acht Jahren gemacht habe und die Ineffizienzen des Schulsystems zu Genüge kenne, freue ich mich über einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung, der endlich den meiner Meinung nach richtigen Weg zu einer Reform des Schulsystems aufzeigt:

Der Geburtsfehler des achtjährigen Gymnasiums war, es von der Quantität her zu denken

Es kann nicht darum gehen, Schüler möglichst lange einzupferchen und ihnen immer mehr Stoff vorzukauen, den diese sich dann in die Köpfe zu stopfen haben. Vielmehr müssen Lerntechniken entwickelt, Kompetenzen erarbeitet und Grundlagen geschaffen werden. Auch der Weg hierzu findet sich in dem Artikel: kleine Lerngruppen, ein weniger starrer Lehrplan und weniger (!) Schulstunden

Denn bevor das G8 flächendeckend eingeführt wurde, gab es bereits Modellversuche. Gedacht waren sie als Leistungszug. Doch dann blieben die Anmeldungen aus. Die Schulen lockerten ihre Aufnahmeregelungen. Am Gisela-Gymnasium kamen auch Dreier-Kandidaten zum Zug, entscheidend war der Elternwille. Die Münchner Schule war eine von acht, die am ersten Probelauf teilnahmen.

Die Idee war, bei gleich bleibendem Lehrplan ein Schuljahr einzusparen. Letztlich fiel die 11. Klasse weg. In der Kollegstufe, also der 12. und 13. Klasse, trafen die Schüler dann wieder regulär auf den G9-Zug. Mit ihm mussten sie identische Abituraufgaben lösen.

Das Ergebnis ist erstaunlich: Die G 8-Absolventen sind mit 18,2 Jahren nicht nur eineinhalb Jahre jünger als ihre Mitschüler, sondern lagen mit einer durchschnittlichen 2,0 im Abitur auch fast um eine halbe Notenstufe besser. Und das, so Weinzierl, obwohl sie weder besonders begabt waren, noch mit 32 Wochenstunden ein höheres Unterrichtsdeputat hatten.


6

Apr

Tempo, Tempo, Tempo…

Ein Zitat aus dem sehenswerten Video Shift Happens zeigt sehr präzise auf, vor welchem Problem die Bildung in der heutigen Zeit steht:

We are currently preparing students for jobs that don’t yet exist
using technologies that haven’t yet been invented
inorder to solve problems we don’t even know are problems yet

(Via: Blogruf)


1

Apr

Tempo im Schulsystem

Das deutsche Schulsystem findet sich immer mehr in der Kritik. Nicht zuletzt das desolate Urteil des UN-Beobachters Munoz vor einigen Wochen, in dem Deutschland fast schon als Entwicklungsland in Sachen Bildung bezeichnet wird, hat die Diskussion, die schon seit dem PISA-Schock immer wieder aufkommt erneut angefacht.

Ein zentrales Charakteristikum der Maßnahmen, die seitdem ergriffen wurden ist die zunehmende Beschleunigung. Die Einführung des Abiturs in 12 Jahren in zahlreichen Bundesländern und das Ziel der Verkürzung der Studienzeiten weisen in diese Richtung. Ich bin nun eigentlich ein starker Verfechter einer deulich gestrafften Schulzeit (auf 12 oder sogar nur 11 Jahre), jedoch führt der Weg, den die Bildungspolitik momentan beschreitet in meinen Augen in die falsche Richtung.

Nehmen wir die Einführung des G8, des achtjährigen Gymnasiums, in Bayern als Beispiel. Dieses wurde mehr oder weniger in einer Nacht- und Nebelaktion eingeführt und wird jetzt “am lebenden Objekt” getestet. Es blieb kaum Zeit , die Chancen, die diese an sich gute Idee bietet mit einem durchdachten Konzept ernsthaft auszunutzen. Vielmehr wurde der Umfang des Unterrichts mehr oder weniger beibehalten und nur auch acht, anstatt auf neun Jahre verteilt. Dass dies Probleme aufwirft, sollte jedem klar sein. So findet sich in der SZ ein Bericht einer Mutter, die von ihren Problemen und auch den Problemen ihrer Kinder mit dem G8 berichtet.

Liegt es aber wirklich an der reinen Verkürzung der Schulzeit, dass dieses Konzept derartige Probleme bereitet? Wie einige Kommentatoren bei besagtem Bericht aber zurecht anmerken, ist das Abitur in 12 Jahren in einigen ostdeutschen Bundesländern schon seit der Wende etabliert und erfolgreich. In meinen Augen gibt es zwei zentrale Faktoren, die zu der momentanen Unzufriedenheit und den beschriebenen Problemen führen:

  1. Druck: Kinder sind von Natur aus neugierig und wissenshungrig und wenn man ihnen die Gelegenheit gibt, dieser Neugier selber nachzugehen und sich Wissen selber zu erarbeiten, nehmen sie diese Möglichkeit im Normalfall sehr gerne wahr. Das deutsche Schulsystem erzeugt jedoch einen unheimlichen Druck auf die Schüler, erfolgreich zu sein. Man denke nur an die lebenswegbestimmende Selektion nach der vierten Klasse. So wird Angepasstheit, Konformität und Pflichten erfüllen zur zentralen Aufgabe der Schüler. Für Neugier, Experimentierfreude und Freude am Lernen bleibt hier kein Platz mehr. Hauptsache, die Noten stimmen.
    Natürlich müssten Schüler dazu erstmal wieder lernen, selber zu denken, ihre Lernprozesse selber zu organisieren und selber die Verantwortung für ihren Erfolg zu übernehmen. Dass so etwas geht, zeigen jedoch einige wenige Modellprojekte, z.B. in Hamburg. Die Schule und damit die Politik muss sich nur von dem Standpunkt wegbewegen, “Vergleichbarkeit” und “Standardisierung” anzustreben und vielmehr darauf setzen, das individuelle Potential jedes einzelnen Schülers zu fördern.
  2. Wahrnehmung: In ihrem Bericht beklagt sich die Mutter über Nachmittagsunterricht und zu geringe Freizeit. Dies ist aber nur dann ärgerlich und negativ, wenn Schule als Pflicht und als Belastung verstanden wird und nicht als Ort des Lernens, der Persönlichkeitsentwicklung und des Lebens. Dies ist sicherlich zu einem großen Teil Schuld des Schulsystems, der Lehrerausbildung und auch der Lehrer selber (auch wenn es natürlich zahlreiche wirklich gute Lehrer gibt), aber auch die Schüler und Eltern sollten ihre Wahrnehmung der Situation hinterfragen.
    Ein Beispiel aus der Universität ist mir hier besonders deutlich vor Augen: Bei Spiegel-Online finden sich Erfahrungsberichte (1, 2, 3, 4) eines Deutschen, der das erste Semester an der Elite-Universität Yale studiert. Er beschreibt das typische Studentenleben, dass aus drei bis vier Vorlesungen pro Tag und fünf bis zehn außerschulischen Aktivitäten besteht und dann noch einem Berg von readings und homework. Nicht, dass ich mir solche Zustände auch an einer Deutschen Universität wünschen würde, aber es bringt mich doch zum Nachdenken, dass ich mir nicht einmal vorstellen kann, ein solches Pensum zu bewältigen. Nach acht Stunden Vorlesungen und Seminaren reicht es bei mir höchstens noch zu einem Gang ins Kino oder einem gemütlichen Abend mit Freunden bei einem Bier und einem Brettspiel…
    Woran das liegt? Ich denke daran, dass man in Deutschland nicht lernt, gerne und effizient zu Arbeiten. Klar, Schüler sitzen lange vor ihren Hausaufgaben und Vokabelheften. Aber warum? Weil Vokabeln in Listen gelernt und abgefragt werden, anstatt im aktiven Sprachgebrauch, weil Formeln gepaukt anstatt verstanden werden und weil Daten aufgelistet werden, anstatt historische Entwicklungslinien nachzuzeichnen. Dabei verschwindet der Spaß und auch die Fähigkeit, sich Wissen selber zu erarbeiten.
    Auch hier gilt wieder mein oben erläuterter Vorschlag. Mit Spaß am Lernen geht es erstens schneller und zweitens ist es nicht mehr eine “Last”, die in der Freizeit ausgeglichen werden muss, sondern es wird zu einem integralen Bestandteil eines glücklichen Lebens.

9

Mär

Bildungsreform die 164.

Mal wieder machen Forderungen zur Reform des deutschen Bildungssystems die Runde. Ein Gremium von hochrangigen Professoren (darunter der Leiter der IGLU-Grundschulstudie Wilfried Bos und der Leiter des Centrum für Hochschulentwicklung Detlef Müller-Böling) hat auf Initiative der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft ein Gutachten verfasst, dass mit radikalen Forderungen Aufmerksamkeit erreicht:

  • Zusammenlegung von Haupt- und Realschule
  • Pflicht zur Fortbildung für Lehrer
  • Zeitliche Befristung von Lehrerverträgen
  • Private Trägerschaft der Schulen
  • Kindergartenpflicht ab einem Alter von vier Jahren

Meine Meinung zu diesen Forderungen ist gespalten:

Die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen ist in meinen Augen auf jeden Fall ein wichtiger Schritt, um die Selektivität des deutschen Bildungssystems zu verringern. Sie alleine greift allerdings zu kurz. Warum soll das Gymnasium als explizite Schulform erhalten bleiben? Das Hauptsrgument hier ist, dass gute Schüler unterfordert und schlechte Schüler überfordert sein würden. Woher kommt eigentlich diese Vermutung? Wirklich gute Schüler sind auch auf dem Gymnasium unter- und wirklich schlechte auch auf der Hauptschule überfordert. Aber ich wage zu bezweifeln, dass dies unbedingt an den Schülern liegen muss. Schulische Leistung ist dermaßen komplex, dass ich nicht glaube, dass irgendjemad vorhersagen kann, wie sich ein schlechter Hauptschüler entwickelt hätte, wenn er stattdessen auf eine Gesamtschule gegangen wäre. So würden auch Schüler aus “bildungsfernen” Familien durch ihre Schulfreunde und Klassenkameraden ein wenig näher an die Bildung heran geführt. Ansonsten bilden sich Cliquen von Hauptschülern, Cliquen von Realschülern und Cliquen von Gymnasiasten. Soziale Durchlässigkeit adé!

Wann begreifen Politiker und Bildungsforscher endlich, dass es in der Schule nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch um Persönlichkeitsentwicklung und soziale Positionierung geht? Dass Schule nicht nur Fakten- und Methodenwissen vermittelt, sondern dass sie auch, und in meinen Augen vor allem, die Schüler für das Leben nach der Schule prägt und deshalb soziale Kompetenz erzeugen muss?

Natürlich sollten Fortbildungen für Lehrer Pflicht sein. Jeder Arbeitnehmer wird von seinem Arbeitgeber hin und wieder dazu verpflichtet, sich neue Kenntnisse anzueignen damit er weiterhin effektiv und effizient arbeiten kann. Warum sollte das nicht auch für Lehrer gelten? Es gibt genug Bereiche der Pädagogik und Didaktik, in denen im Laufe der Zeit neue wissenschaftliche Erkenntnisse entwickelt werden, warum sollen diese erst durch die junge Generation in den Schuldienst eingebracht werden können? Zudem sind auch die Wissenschaftler auf das Feeback von erfahrenen Lehrern angewiesen.

Die zeitliche Befristung von Lehrerverträgen halte ich für unsinnig. Es sollte allerdings einfacher werden, unfähige Lehrer aus diesem Beruf zu entfernen.

Auch die private Trägerschaft würde dem deutschen Schulsystem auf lange Sicht nicht nutzen. Der Staat sollte den Schulen allerdings mehr Freiheiten in der Gestaltung geben. Denn nur so kann Innovation entstehen und dadurch die Ausbildung der Schüler besser werden. Gleichzeitig wäre es aber wichtig, die Machtposition des Schulleiters in dieser Hinsicht einzuschränken und einen Rat aus Lehrer-, Schüler- und Elternvertretern in die schulischen Entscheidungsprozesse stärker einzubeziehen.

Der Kindergartenpflicht stehe ich zwiegespalten gegenüber. Einerseits würde eine solche auch Kindern aus “bildungsfernen Schichten” die Chance geben, frühzeitig den Wert von Bildung zu erkennen und ihnen den Start in die Schule sehr stark vereinfachen. Andererseits sträube ich mich gegen eine Verpflichtung zu “Ringelpiez mit Anfassen” und gemeinschaftlichem “Blumen malen”. Meine Idee an dieser Stelle wäre, Kinder nicht erst mit sechs, sondern bereits mit fünf Jahren einzuschulen. Die Gestaltung der ersten Jahre Grundschule ist, in meiner Erinnerung, ohnehin nicht viel mehr als ein Kindergarten mit ein wenig Wissensvermittlung.

(Quellen: Spiegel Online, FAZ.net)