Spätestens seit Wikipedia oder del.icio.us ist das Thema “Intelligenz der Massen” nicht nur für Biologen oder Psychologen interessant, sondern spielt in zahlreiche weitere Lebensbereiche hinein. Ein Blickwinkel auf dieses Thema nimmt sich dabei die Natur zum Vorbild und analysiert “intelligente” Verhaltensweisen großer Schwärme oder Herden von Tieren. Dabei erfüllen einzelne Tiere lediglich eine kleine, repetitive Aufgabe, ohne den Blick auf das ganze Sytem zu haben, aber aufgrund ausgeklügelter Kommunikations- und Koordinationsmechnismen entsteht der Eindruck intelligenten Verhaltens des ganzen Schwarms.
Vor einiger Zeit veröffentlichte National Geographic einen ausführlichen Artikel zu dem Thema, der zu dem Schluss kommt:
Whether we’re talking about ants, bees, pigeons, or caribou, the ingredients of smart group behavior—decentralized control, response to local cues, simple rules of thumb—add up to a shrewd strategy to cope with complexity.
Hier liegt in meinen Augen jedoch ein grundlegendes Missverständnis vor. Die Schwärme sind nämlich gerade nicht in der Lage, echte Komplexität zu verarbeiten. Vielmehr hat sich evolutionär ein Verhaltensautomatismus herausgebildet, der eine ganz spezifische Aufgabe in einem ganz spezifischen Umfeld erfüllen kann: Ameisen finden Futter, Bienen eine neue Brutstätte und Karibus können Löwen entkommen. Treten aber Änderungen in der Umwelt auf, die die Wirkung der etablierten Verhaltensmuster stören, gibt es für den Schwarm keine Möglichkeit, sein Verhalten entsprechend anzupassen. Und gerade darin, der flexiben Problemlösung unter sich wandelden Umständen und der Fähigkeit zur Abstraktion liegt, in meinen Augen, der Kern der Intelligenz.
Ansonsten ließe sich jedes natürliche System, das eine ganz konkrete Aufgabe erfüllt als “intelligent” bezeichnen. Sei es der menschliche Blutkreislauf, der die Zellen mit Sauerstoff versorgt, der Wasserkreislauf, der Leben auf der Erde ermöglcht oder Pflanzen, die per Photosynthese Sauerstoff erzeugen.
Abgelegt unter: Naturwissenschaft | Trackback | Noch keine Kommentare »
Heute ist es also passiert: Die Maschine hat den Menschen endgültig mit ihrer Intelligenz überholt!
Diesen Eindruck könnte man zumindest gewinnen, wenn man die mediale Berichterstattung über das Duell Computer Deep Fritz gegen Schachweltmeister Kramnik betrachtet. Spiegel-Online titelt beispielsweise “Ende einer Ära“.
Doch betrachtet man genauer, was hier eigentlich passiert ist, kommt man zu einer deutlich weniger dramatischen Aussage: “Computer rechnen schneller als Menschen”… Kaum aufregend… So gehaltvoll wie “Autos bewegen sich schneller als Menschen” oder “Maschinen haben mehr Kraft als Menschen”. Ein normaler PC mit 3Ghz-Prozessor schafft etwa 6 Milliarden Rechenoperationen pro Sekunde (Quelle), ein Mensch, sehr großzügig gerechnet, eine (Quelle). Da Computer und Mensch beim Schachspiel über dieselbe Zeit verfügen, ließe sich dieses Setting mit einem 1 Kilometer-Wettrennen zwischen Mensch und Düsenjet vergleichen. Kaum ein faires Duell. Spannend wäre es zu sehen, wie sich der Computer schlagen würde, wenn ihm nicht dieselbe Zeit, sondern dieselbe Anzahl an Rechenoperationen zustünde. Wenn Kramnik zwei Stunden Zeit für eine Partie hat, blieben für den Computer noch 0,0000012 Sekunden! Denn Rechenkapazität hat nichts mit Intelligenz zu tun. Und dass Maschinen schneller rechnen können als Menschen, wissen wir ja eigentlich schon seit den ersten Taschenrechnern…
Wenn man das im Hinterkopf behält, ist es eher verwunderlich, dass der Mensch so lange mit der Maschine hat mithalten können. Woran liegt das? Schach ist ein Spiel, das seine Komplexität aus der Vielzahl der möglichen Züge gewinnt: Alleine für die ersten zehn Züge gibt es, wenn ich mich nicht irre, mehr als 10 Milliarden Zugkombinationen. Mensch und Computer gehen nun vollkommen anders mit dieser Komplexität um:
Der Computer berechnet jeden einzelnen Zug, jeden einzelnen möglichen Folgezug für jeden möglichen eigenen Zug und so weiter. Er muss also für die ersten 10 Züge einige Milliarden Züge berechnen.
Der Mensch geht dieses Problem ganz anders an: Schon nach wenigen Sekunden hat sich die Zahl der potentiellen Züge auf eine einstellige (!) Zahl reduziert. Dasselbe gilt für die im Kopf vorweg genommenen Folgezüge. Oft reduziert sich diese Zahl (gerade in der Eröffnung und im Endspiel) noch deutlich stärker. Durch seine Intelligenz gelingt es dem Menschen, die Zahl der für ihn notwendigen Rechenoperationen massiv zu senken. Er erkennt bestimmte Muster wieder und ist in der Lage, Relevantes von Irrelevantem zu unterscheiden. Der Computer kann das nicht. Wer sich bereits mit Spracherkennungssystemen herumgeschlagen hat, hat am eigenen Leib erfahren, wie schlecht Maschinen in der Mustererkennung sind.
Spannend wird es erst bei der Frage, warum es gerade das Schachspiel ist, bei dem der Computer durch reine Rechenkapazität den Eindruck von Intelligenz erweckt. Dazu in den nächsten Tagen mehr.
(Lesetipp: Laszlo Merö: Die Grenzen der Vernunft. Kognition, Intuition und komplexes Denken.)
Abgelegt unter: Aktuelles, Naturwissenschaft, Theorie | Trackback | Noch keine Kommentare »
Wer bei dem Begriffspaar “Mathematik” und “Unterhaltung” an einen Widerspruch in sich denkt, dem sei folgender Link nicht sonderlich ans Herz gelegt. Alle, die sich diese Kombination durchaus vorstellen können, sollten aber mal hier vorbeischauen: www.mathekalender.de
Abgelegt unter: Naturwissenschaft | Trackback | Noch keine Kommentare »
Serien über Gerichtsmediziner, die verzwickte Fälle lösen, sind im Fernsehen heutzutage Alltag. Die spannendsten Geschichten schreibt aber immer noch das Leben.
Abgelegt unter: Naturwissenschaft | Trackback | Ein Kommentar »
Manche Sachen sind schon sehr skurril:
Swiss, French and Danish scientists believe they have found the largest cooperative unit of ants ever recorded. The colony is 3,600 miles long, stretching from the Italian Riviera to northwest Spain. It consists of billions of Argentine ants living in millions of nests that cooperate with each other. (Quelle)
(Linktipp via Weisslog)
Abgelegt unter: Naturwissenschaft | Trackback | Noch keine Kommentare »
Die moderne Biologie (insb. Genforschung und Neurologie) stellen die Soziologie auf den ersten Blick vor große Herausforderungen: Sie greifen die Paradigmen der Sozialisation (Gegenpol: genetische Determinierung) und des freien Willens an. Doch in ihrem Vortrag argumentierte Renate Mayntz (Köln), dass diese Entdeckungen für die Soziologie folgenlos bleiben. So gibt genetische Vererbung nur die Grenzen dessen vor, was durch Sozialisation erworben werden kann und es sei für die Analyse der Gesetzmäßigkeiten des Handelns der Menschen im Prinzip egal, ob das Handeln durch einen “freien Willen” oder durch neurologische Automatismen gesteuert werde.
Auch wenn ich Mayntz prinzipiell zustimme, muss ich doch zu Bedenken geben, dass die “Entzauberung” des freien Willens insofern Einfluss auf die Soziologie hätte, dass zukünftig die Ergebnisse der Hirnforschung viel stärker in die Konzeption von Akteursmodellen einfließen müsste.
Abgelegt unter: Naturwissenschaft, Theorie | Trackback | Noch keine Kommentare »
Den Auftakt machte der Psychologe W. Prinz (Leipzig), der darstellte, dass der freie Wille eine Illusion darstellt. Jedoch eine, deren Entstehung sich erklären lasse und die bestimmte Funktionen erfüllt. Er sei zwar ein kulturelles Artefakt, als solches aber soziologisch relevant.
Es folgten G. Nollmann (Duisburg), der diese Identifikation des freien Willens als Illusion auf Max Weber zurückführete und H. Knoblauch (Berlin), der sich mit der sozialen Konstruktion von Nahtodereignissen befasste, eine sehr spannende Perspektive!
Zum Abschluss identifizierte S. Maasen (Basel) den freien Willen als die Adresse “für Fremd- und Selbststeuerung”
Abgelegt unter: Naturwissenschaft, Theorie | Trackback | Noch keine Kommentare »
Der 24. August wird als Tag in die Geschichte eingehen an dem die Macht der Demokratie sogar einen Planeten vernichten konnte. Auf dem Kongress der International Astronomical Union, der momentan in Prag stattfindet war heute die Definition des Begriffs “Planet” auf der Tagesordnung.
Einige Medien hatten bereits darüber berichtet, dass diese Definition erweitert werden solle, um auch Pluto zu umfassen, und so das Sonnensystem von neun auf zwölf Planeten zu vergrößern. Doch es sollte anders kommen: Der vorhergesagten Defintion eines Planeten als “Himmelskörper, die auf einer kreisnahen Bahn die Sonne umlaufen und ausreichend Masse haben, damit die eigene Schwerkraft sie zu annähernd kugelförmiger Gestalt (hydrostatisches Gleichgewicht) zusammenzieht” wurde der scheinbar harmlose Zusatz “und hre Nachbarschaft von anderem kosmischen Material freigeräumt haben” hinzugefügt. Da Pluto sich inmitten von Asteroiden im sogenannten Kuiper-Gürtel befindet, gilt er ab sofort nicht mehr als Planet, sondern nur noch als “Kleinplanet”.
Diverse Schulbücher werden also umgeschrieben werden müssen und diesmal nicht wegen der Rechtschreibreform…
(Quelle: SpiegelOnline)
Nachtrag: Bei Zeit.de findet sich ein nettes Video zum Thema.
Abgelegt unter: Naturwissenschaft | Trackback | 2 Kommentare »
Nachdem ich letze Woche dann doch nicht mehr zur Hegelwoche gekommen bin, gab es heute den nächsten hochkarätigen Vortrag in Bamberg: Was hat das Universum mit uns zu tun? Warum ist nicht Nichts? von Prof. Dr. Harald Lesch (bekannt aus BR-Alpha und seiner Sendung Alpha Centauri).
Hier an der Bamberger Uni, die keine Naturwissenschaften hat und lediglich die Sternwarte der Erlanger Uni beheimatet, versucht also der Astophysiker und Philosoph, etwas über die Entstehungsgeschichte des Universums zu erzählen. Von der anfänglichen Quantenfluktuation bis hin zur Kollision der Milchstraße mit der Andromeda in ferner Zukunft spannt er dabei den Bogen, ohne die anwesenden Sozial-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaftler zu überfordern. Man merkt ihm einfach an, dass er Spaß bei der Sache hat. Wer kann, sollte sich auf der Homepage von Alpha Centauri mal seine Sendungen anschauen, bei mir klappt das leider wegen der Uni-Firewall nicht…
Als Einstimmung hier ein paar der Zitate, an die ich mich erinnern kann:
Mit dem Laserpointer in der Hand: “Wenn ich hier den Knopf drücke, macht eine gigantische Anzahl an Elektronen genau dasselbe. Das ist Kommunismus pur. Deswegen ist das Licht auch rot.”
“Ich bin auch an der Philosophischen Hochschule der Jesuiten und bin Protestant. Ich bin da sozusagen der Quoten-Ketzer”
Zur fehlenden Atmosphäre des Mondes: “…der ist inkontinent, der kann nichts halten.”
Zur Möglichkeit von nicht-kohlenstoff-basiertem Leben: “Eins kann ich Ihnen sagen, Sex zwischen einem Silizium-Männchen und einem Silizium-Weibchen dauert länger als das Universum alt ist.”
“Stellen sie sich mal vor, sie träfen auf einen Haufen unmotivierter, lustloser - wahrscheinlich brasilianischer - Sauerstoffmoleküle…”
Über Physiker: “Wir können nur etwas erklären, wenn wir etwas erklären können”
Über die moderne Kosmologie: “Das ist so absurd, sie könnten genauso gut an ein Universum glauben, in dem Schildkröte auf Schildkröte auf Schildkröte steht. Aber unser Modell können wir ausrechnen.”
Auf die Frage, ob er an Außerirdische glaube: “Wissen sie, vor vier Wochen hätte ich Ihnen noch etwas anderes geantwortet. Aber besonders seit letztem Freitag…”
Über die Verknüpfung von Physik und Philosophie: “Wenn die Welt ein Text wär, würde mir die Physik etwas über die Grammatik, die Zeichensetzung und die Semantik erklären, aber wer sagt mir, was der Text bedeutet?”
Abgelegt unter: Naturwissenschaft | Trackback | Noch keine Kommentare »