Kategorie: Medien

13

Apr

DSDS, Entmündigung und Verantwortlichkeit

Bei SpiegelOnline kommentiert Henryk M. Broder die aktuelle Debatte um den Jugendschutz in Casting-Sendungen wie “Deutschland sucht den Superstar”. Seine Argumentation dabei lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Die Teilnehmer sehen sich einer Chance gegenüber, es zu etwas zu bringen, und stellen sich freiwillig der Bewertung durch die Jury. Wie immer im Leben gebe es dabei Gewinner und Verlierer und es sei im Prinzip egal, ob dies vor einem Millionenpublikum geschehe, oder im örtlichen Fußballverein. Jugendlichen eine Teilnahme zu verbieten, komme demnach einer Entmündigung gleich, wie sie “zum Programm aller Erziehungsdiktaturen” gehört.

Wenn man Broders Argument überspitzt, könnte man aber auch folgendermaßen argumentieren: Wenn ein Medikament in einem von 100 Fällen Superkräfte verleiht, in 20 von 100 aber zum sofortigen Tode führt, kann es frei verkäuflich und ohne Hinweis auf die möglichen Nebenwirkungen im Supermarkt angeboten werden. Jeder ist ja frei in seiner Entscheidung, das Medikament zu kaufen. Überlassen wir es dem Markt, denn über die Risiken kann sich ja jeder aus den Todesanzeigen in der Zeitung informieren. Ganz ähnlich verhält es sich bei DSDS und anderen Casting-Shows. Sie versprechen einigen wenigen einen exorbitanten Gewinn, nutzen es dabei jedoch aus, dass es zahlreiche Verlierer geben wird. Die Nebenwirkungen werden nicht thematisiert und Berichterstattung darüber findet sich meist in den Medien, die von der entsprechenden Zielgruppe nicht wahrgenommen werden. Wenn der Staat also Schritte einleitet, Minderjährige vor diesen Nebenwirkungen, auf die sie niemand hinweist und die sie in keiner Weise abschätzen können, zu bewahren, entspricht dies natürlich einer Einschränkung ihrer Handlungsfreiheit, aber realistische Alternativen sehe ich keine.

Abschließend weist Broder jedoch noch kurz auf das eigentliche Problem hin: Den Willen der Menschen zur Verantwortlichkeit, aber dazu demnächst mehr.


30

Mär

Diskussionskultur, "Ja" oder "Nein"?

Und mal wieder (So unterschiedlich können Einschätzungen sein) ein Fall, in dem sich SPIEGEL Online und Sueddeutsche.de nicht einig sind: War die Runde, die Maybrit Illner am Donnerstag Abend zum Thema “Glotzen statt klotzen” im Studio versammelt hat, nun “eine spannende Diskussion” (Ein Pils für den Schreihals - Sueddeutsche.de) oder ein eindrucksvolles Zeichen mangelnder Diskussionskultur in der deutschen Öffentlichkeit:

Illners übrige Gäste dürfen dafür bewundert werden, dass ihnen ein Kunststück gelungen ist. Sie haben es geschafft, sechzig Minuten praktisch nichts zur Sache zu sagen und trotzdem eindrucksvoll bewiesen, wo das Kernproblem der Jugend-von-heute-Debatte liegt: In der fehlenden Diskussionskultur, im mangelnden Dialog zwischen Jung und Alt, der sich viel zu oberflächlich und alles andere als verständnisvoll gestaltet (Null Bock auf Gesprächskultur - SPIEGEL Online)

Auch wenn ich die Sendung nicht gesehen habe, neige ich dazu, Spiegel-Autor Sebastian Wieschowski zuzustimmen.


21

Feb

Mythos Raubkopie

Paulo Coelho ist sicherlich einer der bekannteren Schriftsteller und dass er hin und wieder Probleme mit Raubkopien seiner Bücher bekommt, sollte niemanden verwundern. Jetzt hat er jedoch selber eindrucksvoll aufgezeigt, dass Raubkopien sich keineswegs negativ auf den Verkauf seiner Bücher auswirken. So hat er in Russland selber eine Homepage eingerichtet und auf dieser eine Kopie seines Buches "Die Hexe von Portobello" zum Download zur Verfügung gestellt.  Nachdem er im Jahr zuvor nur knapp 1000 Exemplare seines Buchs verkauft hatte, waren es im Jahr darauf über 10000 und noch ein Jahr später 100000 Exemplare. Klar, die Kausalität ist damit nicht zweifelsfrei bewiesen und es lassen sich zahlreiche andere Gründe für diesen Anstieg vorstellen, aber plausibel ist es schon, einen Zusammenhang anzunehmen.

Kann man daraus den Schluss ziehen, die Musikindustrie könne nun auch über kostenlose Downloads ihre Verkäufe ankurbeln? Mitnichten, denn Bücher haben gegenüber Musik-CDs einen gewaltigen Vorteil: Sie bieten einen Mehrwert gegenüber der digitalen Kopie: Man kann sie Abends im Bett und in der Straßenbahn lesen, die Augen ermüden nicht so schnell und auch der Rücken freut sich über unterschiedliche Sitzpositionen. Während Musik verlustfrei kopiert werden kann, verlieren Bücher am Bildschirm sehr viel an Qualität und Wert und werden deswegen trotz, oder gerade wegen,  Raubkopien gekauft.

(Quelle: Bernd Röthlingshöfer, Literaturcafé)


13

Nov

Was die Wissensgesellschaft braucht…

Die “Wissensgesellschaft” ist einer der zentralen Begriffe wenn es um die Analyse der Charakteristika der heutigen Gesellschaften geht. Es geht nicht mehr in erster Linie um Nahrungserzeugung oder Güterproduktion. Diese sind in den Hintergrund getreten vor einem neuen Rohstoff: dem Wissen.

Wissen scheint die treibende Kraft allen Fortschritts zu sein: Es treibt Wirtschaftswachstum und Wohlstand, verlängert Leben und verbessert die Lebensqualität, fördert das Verständnis der Natur und macht den Menschen glauben, er könne sie beherrschen. Auch in Deutschland steht das Wissen und die “Wissensgesellschaft”, zumindest rhetorisch, im Mittlepunkt der politischen Diskussion und Aktivität. Die Lissabon-Strategie der EU und die Kampagne “Land der Ideen” setzen am Wissen an und schreiben ihm fast schon Allmacht zu.

Aber befassen wir uns mal mit der Realität abseits dieser Rhetorik: Damit Wissen in die Gesellschaft eingehen kann bedarf es zweierlei: Es muss produziert werden und es muss einen Weg finden, auf das Leben der Menschen Einfluss zu nehmen. Für Ersteres ist die Wissenschaft, egal ob öffentlich oder privat finanziert, zuständig. Sie schafft das Wissen, das der Rohstoff der Moderne zu sein scheint. Also müsste man davon ausgehen können, dass alle politische Rhetorik dazu führt, die Fähigkeit der Wissenschaft, ihrer Arbeit nachzugehen, zu verbessern. Dass dem, zumindest im universitären Bereich, nicht so ist, habe ich anderer Stelle ausgeführt (Risikofaktor Wissenschaft) und kann das nach nun immerhin einem Monat konkreter Erfahrung im Wissenschaftsbetrieb nur aufrecht erhalten.

Für die Verbreitung (Soziologenchinesisch: “Diffusion”) des Wissen gibt es, in meinen Augen, zwei Mechanismen: Die Wirtschaft, die neue Erkenntnisse in Produkte umsetzt und mit diesen das Leben der Menschen beeinflusst, und die Medien, die Wissen in seiner “reinen Form” verdichten, einordnen und der Allgmeinheit zugänglich machen sollten. Doch in den Medien scheint sich, wie in der Wissenschaft auch, eine große Gruppe qualifizierter und motivierter junger und weniger junger Menschen zu entwickeln, die von ihrer Arbeit nicht leben können. So beschreibt Gabriele Bärtels in einem Artikel in der ZEIT (Schreiben macht arm) ihren täglichen Kampf um Veröffentlichungen, Zeilenhonorare und die nächste Mietzahlung.

Kann es angehen, dass in dermaßen wichtigen Bereichen in unserer “Wissensgesellschaft” solche Verhältnisse vorherrschen? Dass Menschen, die ihr Leben in den Dienst eines fundamentalen Pfeilers der Gesellschaft stellen, unter solchen Bedingungen leben und arbeiten müssen? Wie kann man erwarten, dass sich qualifizierte Hochschulabgägner für Karrieren entscheiden, deren Aussichten dermaßen ungewiss sind, während Unternehmen mit (zumindest auf dem Papier) langfristigen Verträgen, Entwicklungsperspektiven und angemessenen Gehältern locken? Natürlich, der Idealismus gleicht vieles aus, aber vielleicht ist irgendwann der Zeitpunkt gekommen, wo sich die Leute sagen: “Macht euren Mist doch alleine!” Und dann ist das Geschrei groß…


10

Okt

Eva Herman und die Dynamik öffentlicher Diskussion

Seit ihrem Rauswurf aus der Sendung Johannes B. Kerner steht Eva Herman erneut im Mittelpunkt des Medieninteresses. Warum sie dort steht ist leicht zu erkennen: Sie soll auf einer Pressekonferenz zum Erscheinen ihres neuen Buches die Familienpolitik des dritten Reiches gelobt haben. Das ist in Deutschland so ziemlich der sicherste Weg, öffentliche Empörung auszulösen - und das vollkommen zu Recht. Schaut man sich das, was Herman tatsächlich gesagt hat jedoch genauer an, erkennt man, in meinen Augen, dass sie das in keinerlei Hinsicht getan hat.

Im Folgenden werde ich die Diskussion in der Sendung von Johannes B. Kerner von gestern Abend (Zeitangaben beziehen sich auf das Video in der ZDF-Mediathek) mal genauer unter die Lupe nehmen:

Der erste wichtige Punkt zur Rekonstruktion von Hermans Meinung ist die Aufzeichnung des umstrittenen Zitats in einem etwas größeren Abschnitt (3:16):

Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde.

In meinen Augen macht dieser Satz Hermans Argumentation klar (die sie auch später - 13:12 - noch einmal ausdrücklich macht): Zu Beginn des 20. Jahrhunderts (vor (!) dem dritten Reich) wurden Mütter als Mütter geschätzt, die eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllen. Dann wurde dieser Wert, der bei den Menschen verbreitet war, ausgenutzt und pervertiert. Auf diese Weise wurde der, nach Hermans Meinung, “gute” Wert, Mütter zu schätzen, angreifbar gemacht und schließlich durch die 68er abgeschafft. (Wie gesagt, das ist eine Rekonstruktion von Hermans Argument, nicht zwangsläufig meine eigene Meinung!)

Die einzige Wertung, die in diesem Argument steckt ist, dass es schade sei, dass der Wert, Mütter als Mütter zu schätzen, abhanden gekommen ist. Alles andere ist der Versuch, eine Kausalkette aufzustellen, warum dieser Wert verschwunden ist: Die Nazis haben ihn pervertiert, dadurch delegitimiert und die 68er ihn dann endgültig abgeschafft.

Dieses Argument ist auf vielen Ebenen angreifbar: Gab es den Wert am Anfang des 20. Jhdt. wirklich? Waren es wirklich die 68er, die ihn “abgeschafft” haben? Ist Hermans Frauenbild wirklich zeitgemäß? etc. Den Vorwurf der Verherlichung der Nazi-Zeit kann ich daraus aber nicht ableiten.

Soviel zu Hermans Argumentation, jetzt ein paar Worte zur Medien-Dynamik:

Der Ausschnitt der Pressekonferenz geht nach dem oben genannten Zitat noch mit einem ziemlich krausen Satzungetüm weiter (3:40). Ich habe den Eindruck, dass Herman germerkt hat, dass sie sich nach dem oben zitierten Satz unbedingt von dem Nazi-Regime distanzieren müsse (laut Herman war der ganze Abschnitt eine freie Antwort auf eine Frage), um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, diese Zeit zu verherrlichen. Dieser Distanzierungssatz ist es nun aber, der ihr zum Verhängnis wird, da er so unübersichtlich ist, dass er nahezu beliebig interpretierbar wird.

Im Anschluss an den Ausschnitt der Pressekonferenz versucht der Historiker Wolfgang Wippermann, ihr eine Brücke zu bauen, indem er rekonstruiert, Herman wolle das konservative Familienbild verteidigen, verwechsele es aber mit der nationalsozialistischen Ideologie (6:14).

Wie ich oben schon dargelegt habe, macht Herman aber genau diese Unterscheidung bereits. Sie unterscheidet zwischen dem Wert und seiner Pervertierung durch das dritte Reich. Sie hat, meiner Ansicht nach, in diesem Moment zwei Möglichkeiten:

  1. Sie kann den Öffentlichkeitsprofi mimen und die Pille schlucken, missverstanden worden zu sein. Dann denen, die sie missverstanden haben, Recht geben und sich somit durch “Aufgabe” aus dem Kampf zurückziehen.
  2. Sie entschließt sich aber dazu, den Anderen das Missverständnis aufzeigen zu wollen und verstrickt sich dabei in eine Diskussion, in der sie, in meinen Augen, keine Chance hat: Die Medienöffentlichkeit ist zwar ein Platz für gesellschaftliche Diskussion, jedoch keineswegs der Ort eines Habermas’schen gesellschaftlichen Diskurses. Hier zählt nur in den seltensten Fällen das bessere Argument, sondern hier zählen Eingängigkeit, Verständlichkeit und Schlagwörter und da hat Herman bei diesem Thema keine Chance.

Kerner hätte an dieser Stelle für eine Sternstunde der deutschen öffentlichen Diskussionskultur sorgen können, wenn er die Diskussion auf die Meta-Ebene gehoben hätte und Schritt für Schritt versucht hätte, Hermans Argument zu rekonstruieren. Er folgt jedoch leider dem normalen Verfahren in Talkshows und geht nicht auf das ein, was Herman sagt, sondern zieht absurde Beispiele heran, um zu zeigen, wie nahe Hermans Äußerungen an denen der Nazis liegen (vgl. Andreas Zielcke in der Süddeutschen Zeitung). Als Herman dann feststellt, dass jemand, der den Begriff “gleichgeschaltet” als Ausdruck rechten Denkens sieht, dasselbe auch von allen Autobahn-Benuzern behaupten könne (zum Hintergrund: hr-online), hat sie die Sympatien aller Anwesenden endgültig verspielt. Nicht weil sie Unrecht hätte, sondern weil dieses Argument viel zu kompliziert und und unangenehm ist, als dass es in den Massenmedien vermittelt werden könnte.

Fazit: Dass Eva Hermans Argumentation, der Wert der Mutterschaft sei durch die Nazis pervertiert und entwertet worden, durchaus plausibel klingt und als zeitgeschichtliche Hypothese ernst genommen werden sollte, ist vollkommen egal für die Wahrnehmung dieses Arguments in der Öffentlichkeit. Durch einige ungeschickte Formulierungen und ihren unbedingten Willen, richtig verstanden zu werden, hat sich Eva Herman in eine Position manövriert, in der die Öffentlichkeit ihr nicht mehr zuhört, solange sie nicht bereit ist, in Sack und Asche zu gehen. Schade.

Weitere Kommentare zum Thema:


4

Jul

Irgendwie absurd…

Kommt es mir nur so vor, oder ist es irgendwie widersinnig, dass SWR 3 Tickets für das Live Earth Konzert in London verlost und dann die Gewinner für einen Tag mit dem Flugzeug nach England fliegt und dadurch “dem Klima schadet”?

Nachtrag (05.07.2007): Ich muss mich korrigieren. Die Gewinner fahren mit dem Zug…


1

Jun

Geniales Marketing, aber zu welchem Preis?

Das nenn ich gelungen! Die in den letzten Tagen viel diskutierte und äußerst umstrittene Organspende-Show hat sich in der letzten Minute als Fake entpuppt. Die angebliche Spenderin ist eine Schauspielerin und die kranken Teilnehmer sind zwar wirklich krank, waren aber von Anfang an darüber informiert, dass es nicht wirklich um eine Niere geht. Der Sinn des Ganzen? Aufmerksamkeit wecken und die Menschen auf die prekäre Situation in Sachen Organspende hinweisen. (Mehr dazu)

Und dieses Ziel haben die Macher der Sendung mit Bravour erreicht. Gleichzeitig haben sie der heutigen Mediengesellschaft wunderbar einen Spiegel vorgehalten: In die Medien kommt heute das Kurzfristige, das Neue, das Empörende und nicht die wirklichen Probleme und die altbekannten Tatsachen. Medien greifen Stimmungen und Trends auf und nicht echte Probleme.

Aber jetzt eine große Bitte an alle sozialen Initiativen und Medienmacher: Das funktioniert nur einmal! Wenn sich solche Tricks häufen, wird am Ende niemand mehr wissen, was echt und was gestellt ist.

Das ist auch das große Problem dieser Aktion: Sie hat eine Grenze verschoben. Nach diesem Beispiel werden vielleicht auch andere Sender auf die Idee kommen, Aufmerksamkeit zu erzeugen, indem sie bewusst Emörung erzeugen. BNN mag dies zu einem sehr guten Zweck genutzt haben, aber dass solche Manipulationen auch für weniger noble Dinge genutzt werden können sollte allen Medienkonsumenten klar sein. In Zukunft heißt es also noch genauer darauf zu schauen, was in den Medien real und was Fiktion ist, was tatsächlich Empörung verdient und was nicht. Die Öffentlichkeit, die sich gerne als Rezipient der Medien versteht und die Medien in ihren Diensten sieht, wird sich nun noch stärker fragen, wer hier eigentlich wen kontrolliert.

Übrig bleibt ein Musterstück in Sachen Massenmarketing mit einem (zu?) hohen Preis.


10

Mär

Zensur bei Bild-Meinungsportal

Vor einiger Zeit hatte ich mich schonmal zur Zensur in Internetforen geäußert. Nun weist das BILDblog darauf hin, dass es beim Meinungsportal der Bild-Zeitung (meinung-live.de) üblich ist, die Links, die auf das BILDblog verweisen zu verändern, sodass sie auf meinung-live.de selber verweisen.

Auch wenn hier in meinen Augen keine Zensur im engeren Sinne stattfindet, so zeigt es doch mal wieder auf, dass es bei Medienmachern immer noch akzeptiert zu sein scheint, kritische Meinungen einfach zu löschen. Natürlich könnte man sagen: “Naja, Leserbriefe werden ja auch nur selektiv veröffentlicht.” Sicher, aber von guten Medien erwarte ich, dass sie Lob und Kritik gleichmäßig oder in einem der erhaltenen Briefe angemessenen Verhältnis zueinander zu Wort kommen lassen.

Diese Praxis hat aber noch ein anderes Problem für die BILD-Zeitung selber: Die Disskussionsteilnehmer im Forum von Meinung live sind überhaupt nicht mehr in der Lage, sich selbst vom Wahrheitsgehalt der im Beitrag beschriebenen und verlinkten Kritik zu überzeugen…


9

Mär

Müntefering und Schmidt?

Sehr interessant, wie der Spiegel seine Berichterstattung über die Erhöhung des Rentenalters gestaltet. Man beachte besonders die Fotoserie… ;-)


25

Jan

Trivialität oder Emotionalität?

Auf faz.net findet sich eine Kritik zum Konzert der Band Juli am 24. Januar in Köln, die gleichzeitig ein wenig nach einem vorwursvollen “die jungen Leute heutzutage” klingt. Eric Pfeil schreibt von Trivialität, von “teestubig vorgetragenen Poesiealbumstexten” und von “harmlos poprockenden Klängen”. Er bemängelt fehlende Aufmüpfigkeit und Rebellion.

Ich selber habe beide Alben der Band und bin hin und her gerissen. Es stimmt, die Texte klingen ein wenig nach Poesiealbum und auch musikalisch zeichnen sich Juli nicht gerade durch hohe Komplexität aus und trotzdem gelingt es einigen Liedern immer wieder, mich zu packen. Vielleicht, weil sie einen Nerv treffen. Nicht nur bei mir, sondern auch bei all ihren Fans. Ich möchte hier gerade die Lieder als positive Beispiele anführen, die Pfeil in seinem Artikel kritisiert und zwar anhand derselben Zitate:

Geile Zeit:

Die Nächte kommen - die Tage gehen
Es dreht und wendet sich
Hast du die Scherben nicht gesehen
Auf denen du weitergehst


zitiert Pfeil hier den Text. Er sieht darin eine Erinnerung an die vergangene Jugend und “Pusteblumen-Melancholie”.

Für mich sagen diese Zeile, in Kombination mit ihrem musikalischen Ausdruck, etwas ganz anderes: Es geht um Abschied nehmen und loslassen können, um Hoffnung und, vor Allem, um die Zukunft. Sie propagieren das Aufstehen nach dem Fall und verteufeln die Resignation. Also rundum positiv und zukunftsgewandt, anstatt passiv-melancholisch und bedauernd.

Ein Neuer Tag:

Ich stehe ganz allein
Ich gehe über neu gestellte Weichen
Über Zäune
Über Leichen
Über Los, Los,Los
Ich gehe ganz allein

Auch hier geht es, in meinen Augen, nicht, wie Pfeil es schreibt, um “karrieristische Angstlosen-Rhetorik”, sondern um Aufbruch zu neuen Ufern, Mut und Energie. Es geht um Gestaltung und Kraft, um Unabhängigkeit und Individualität. (Auch wenn sich über die Zeile “über Leichen” sicherlich streiten lässt.) Und auch hier taucht wieder das Motiv des Aufstehens nach dem Fall auf.

Meiner Meinung nach sind Bands wie Juli, die mit relativ einfachen Mitteln dermaßen emotionale und wichtige Themen ansprechen, heutzutage mindestens genauso wichtig, wie anspruchsvolle, gesellschaftskritische und rebellische Bands. Sie bieten einen Anker, eine Fixierung, wie sie in der heutigen Welt ansonsten kaum noch zu finden ist.

Rebellion erfordert Reflexion, Reflexion erfordert Kenntnis und Kenntnis erfordert Verankerung. Und Bands, wie bespielsweise Juli, können dabei helfen, diese Verankerung zu schaffen. Unsere heutige Welt ist dermaßen komplex, reich an Herausforderungen und Stolperfallen, während sie gleichzeitig wenige Fixpunkte bietet, dass das, was Emile Durkheim “Anomie” (Werte- und Orientierungslosigket) nennt immer mehr einzutreten scheint. Lieder, wie die von Juli, können hier Grundlagen bieten und Hoffnungslosogkeit und Resignation (gerade bei den zitierten Liedern) entgegenarbeiten. Wer über eine “passive Jugend” schimpft, der sollte gerade auf solche Bands achten, die Aktivität, Lebensfreude und individuelle Kraft in den Mittelpunkt ihrer Texte stellen.

Natürlich wäre schön, wenn jeder Mensch sich, im Sinne einer perfekten Aufklärung, alle seine Ziele, seine Werte und Meinungen durch kritische Fakten-Reflexion selber erarbeitet. Aber dies ist, in meinen Augen, schlicht und ergreifend nicht möglich oder übersteigt zumindest die geistige und vor Allem emotionale Leistungsfähigkeit der Allermeisten. Klare, unverschlüsselte Botschaften, einfache Emotionen und direkte Ansprache können hier Wunder wirken.

Eine Welt, die von den Meisten ohnehin schon als zu kompliziert und undurchschaubar gesehen wird, in “intellektuell anspruchsvollen” Liedtexten weiter zu verkompliziern und verklausulieren ist sicherlich auch(!) notwendig und mag dem “Kulturkritiker” eher gerecht werden, es macht, aus der Sicht des “Gesellschaftsbeobachters” aber den zweiten Schritt vor dem ersten.