Gestern Abend im Bus. Ein Mädchen, nennen wir sie Anna, vielleicht 14 Jahre alt, erzählt ihren Freundinnen:
Boah, die Maja (Name geändert) hat echt keine eigene Meinung. Da war die letztens bei mir und ich hab ihr erzählt, dass ich letztens ne Shisha geraucht hab. Und da meint die: “Das würd ich ja nie machen. Viel zu ungesund.” Später hab ich ihr meine neuen Schuhe gezeigt, knallrote mit echt hohen Absätzen, und dann sagt die: “Mensch sind die hässlich, damit würd ich nicht rausgehen”.
Danach habe ich mich gefragt, was für Anna “eine eigene Meinung zu haben” bedeutet, denn für mich hat Maja eine deutliche eigene Meinung bewiesen, indem sie in der Situation eben nicht das sozial erwünschte “cool” oder “das will ich auch mal” geäußert hat, sondern tatsächlich eine abweichende Meinung.
Eine mögliche Erklärung wäre sehr simpel: Damit Anna sich nicht mit der abweichenden Meinung von Maja auseinandersetzen muss und weil sie vielleicht damit einen wunden Punkt bei Anna getroffen hat, würdigt Anna Maja einfach pauschal ab. Klassischer Fall von Dissonanzreduktion: Eine, den eigenen Überzeugungen widersprechende, Argumentation wird verdrängt, um die eigene Meinung zu sichern.
Etwas komplexer wäre eine andere Erklärung, die mir aber plausibler erscheint: Anna stört an der Meinung Majas, dass diese eine Meinung äußert, die der von Annas Eltern entsprechen könnte. Anna nimmt implizit an, Majas Eltern hätten dieselbe Meinung, Maja habe diese einfach übernommen und gebe sie nun unreflektiert wieder. Demnach ginge es Anne garnicht darum, dass Maja eine wirkliche “eigene Meinung” entwickeln solle, sondern darum, dass Maja sich nicht ausreichend von “den Eltern” oder “den Erwachsenen” abgrenzt. Denken und Reflexion sind dabei unerwünscht, die Meinung muss nur abweichend sein, um als “eigene” zu gelten.
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Und mal wieder (So unterschiedlich können Einschätzungen sein) ein Fall, in dem sich SPIEGEL Online und Sueddeutsche.de nicht einig sind: War die Runde, die Maybrit Illner am Donnerstag Abend zum Thema “Glotzen statt klotzen” im Studio versammelt hat, nun “eine spannende Diskussion” (Ein Pils für den Schreihals - Sueddeutsche.de) oder ein eindrucksvolles Zeichen mangelnder Diskussionskultur in der deutschen Öffentlichkeit:
Illners übrige Gäste dürfen dafür bewundert werden, dass ihnen ein Kunststück gelungen ist. Sie haben es geschafft, sechzig Minuten praktisch nichts zur Sache zu sagen und trotzdem eindrucksvoll bewiesen, wo das Kernproblem der Jugend-von-heute-Debatte liegt: In der fehlenden Diskussionskultur, im mangelnden Dialog zwischen Jung und Alt, der sich viel zu oberflächlich und alles andere als verständnisvoll gestaltet (Null Bock auf Gesprächskultur - SPIEGEL Online)
Auch wenn ich die Sendung nicht gesehen habe, neige ich dazu, Spiegel-Autor Sebastian Wieschowski zuzustimmen.
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Vorträge bieten allen Beteiligten eine große Chance: Der Vortragende hat die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Zuhörer und die Gelegenheit, diese von seinen Ansichten, seiner Meinung zu überzeugen und Interesse für sein Thema zu wecken. Er kann sich Freunde schaffen, bei vielen Menschen beliebt machen und sogar Unterstützung für sein Projekt gewinnen. Die Zuhörer kommen zu einem Vortrag, weil sie etwas lernen wollen, weil sie Denkanstöße erwarten und begeistert werden wollen. Sie sind dafür bereit, kostbare Zeit zu opfern und gehen, vollkommen zu Recht, mit hohen Erwartungen in einen solchen Vortrag. Die Verantwortung dafür, dass beide Gruppen zufrieden und erfolgreich einen Vortrag wieder verlassen, liegt nahezu vollkommen beim Vortragenden. Er muss es schaffen, die Erwartungen seines Publikums zu erfüllen und kann nur dann darauf hoffen, dass ihm Sympathien und Interesse entgegen kommt.
Dabei gibt es leider viele Vortragende, die entweder nicht in der Lage oder nicht Willens sind, die Erwartungen ihres Publikums zu bedienen. Sie treten unmotiviert auf die Bühne, halten ihren Vortrag in einer monotonen Sprachmelodie und ohne das Publikum einzubeziehen. Sie starren auf ihr Manuskript oder bringen keinen Satz ohne “ähm” heraus. Aber selbst gute und engagierte Sprecher schaffen es nicht unbedingt, das Publikum zu fesseln. Dazu bedarf es auch einem Spannungsbogen und einer genauen Abwägung zwischen Tiefe und Breite des Vortrags, die auf das Publikum abgestimmt sein muss. Zu viele Details und unwichtige Nebenaspekte verwirren, während eine zu oberflächliche Betrachtung anspruchsvollere Zuhörer enttäuschen könnte.
Also, was macht einen guten Vortrag aus?
- Ein engagierter Redner, dem man das Interesse an seinem Thema ansieht und -hört
- Einbeziehen des Publikums, Augenkontakt
- Flüssige Sprache mit möglichst wenig “Füllseln”
- Ein Spannungsbogen, der den Zuhörer fesslt
- Anekdoten, Beispiele, Auflockerung
- Die richtige Mischung aus Breite und Tiefe
Mehr dazu:
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