Kategorie: Gesellschaft

14

Dez

Demokratisches Europa?

Da sollte man meinen, Europa sei mittlerweile ganz und gar demokratisch. Keiner zweifelt doch daran, dass zumindest alle Gebiete der EU mittlerweile von vom Volk gewählten Repräsentanten regiert werden und die altertümlichen Strukturen des  Feudal- und Lehnswesens überwunden sind. Doch weit gefehlt: Auf der kleinen Insel Sark, die zur britischen Kanalinsel Guernsey gehört, hat sich bis heute eine feudale Herrschaft inkl. Lehnswesen erhalten. Und auch die ersten freien Parlamentswahlen haben daran nichts geändert: Die knapp 600 Bewohner verwehrten einer demokratischen Reformpartei ihre Unterstützung. Sachen gibt’s…

 

(Sark bei der Wikipedia)


28

Okt

Die verquere Logik der klassischen "Familienförderung"

Der Wandel der Rollenbilder von Männern und Frauen ist schon seit langem ein wichtiges Thema in Wissenschaft und Gesellschaft. Es geht darum, dass sich Frauen aus ihrer klassischen Rolle als “Heimchen am Herd” lösen sollen und genauso am gesellschaftlichen Leben partizipieren können wie Männer. Ein gutes Ziel, ein wichtiges Ziel, aber irgendwie läuft da gerade in Deutschland noch einiges schief.

Auf die Unsinnigkeit der Form, in der die Debatte immer noch geführt wird, hatte ich an anderer Stelle schon hingewiesen (Mann und Frau - eine unendliche Geschichte…), eine aktuelle Studie der Bertelsmannstiftung, über die die SZ berichtet, erlaubt nun neue Einblicke in die paradoxen Konsequenzen der klassischen Familienförderung. Der Tenor: dadurch, dass es für Frauen mittlerweile  zahlreiche Angebote gibt, die es ihnen erleichtern, Kind und Beruf miteinander zu verbinden, ist für Paare der Anreiz mittlerweile sehr groß, dass  auch tatsächlich die Frau die Auszeit nimmt und in das klassische Rollenbild fällt. Auf eine Elternzeit des Vaters sind die meisten Unternehmen nicht eingestellt, es gibt kaum Beratungsangebote für Männer, die eine Familienauszeit nehmen und auch der Wiedereinstieg und der Karriereschaden nach der Auszeit ist für Männer deutlich schwerer bzw. größer als für Frauen. Als “vernünftiges” Paar ist es demnach also sogar sinnvoll (!), sich auf das überholte Rollenbild zurückzuziehen.

Die einseitige Betonung der Frauen führt dazu, dass in der Debatte ein künstlicher Gegensatz zwischen “Mann” und “Frau” aufgebaut wird. Dadurch, dass es “Frauenbeauftragte” und “feministische Referate” gibt, wird die Geschlechtertrennung nicht aufgehoben, sondern verstärkt. So wird die dringend notwendige Debatte darüber verhindert, wie wir unsere Gesellschaft strukturieren wollen und wie Beruf und Famile vereinbar gemacht werden sollen - unabhängig vom Geschlecht.


9

Okt

DGS: Unsicherheit als politisches Instrument

Wie schafft es eine Regierung, der Bevölkerung oder einem bestimmten gesellschaftlichen System (Wissenschaft, Gesundheit…) eine neue Struktur zu geben, alte Strukturen  aufzubrechen und Wandel zu institutionalisieren? Patrick Le Galès zeigt am Beispiel der Reformen in Großbritannien auf, wie die kontinuierliche Erzeugung von Unsicherheit als politisches Instrument eingesetzt werden kann. Er weist dabei insbesondere auf die Rolle von Bürokratien hin, die die Ergebnisse von beispielsweise Universitäten beobachten und die mehreren Hundert Indikatoren auf wenige, leicht kommunizierbare Werte reduziert. Dabei wird ein gutes Abschneiden in diesen Indikatoren und Ranglisten belohnt und ein schlechtes sanktioniert.

Auf diese Weise wird der Wandel von einer Radikalkur zu einem langsamen Prozess und es werden Anreize geschaffen, sich den neuen Strukturen graduell anzupassen. Selbst Kritiker der neuen Strukturen werden durch die enge Verknüpfung mit der Finanzierung dazu motiviert, die neuen Regeln zu übernehmen. Der ständige Wandel der Indikatoren und Bewertungskriterien führt zu einer andauernden Unsicherheit, die verhindert, dass sich langfristige Planung entlang alter Muster etablieren kann. Vielmehr wird ständige Anpassung gefordert, die gerade die Übernahme des Marktgedanken fördert.

Dabei erscheint diese Anpassung durch die rhetorische Verknüpfung mit Ranglisten und “best practices” zu einer Fiktion der Rationalität und Unausweichlichkeit, so dass das “ob?” der aktuellen Entwicklung nicht mehr hinterfragt wird, sondern nur noch das “wie?” diskutiert wird, werden auf diese Weise gleichzeitig Konflikte vermieden.


9

Okt

DGS: Stammesgemeinschaften und Markencommunities

Dass in der heutigen Welt kein Platz mehr ist für traditionelle Gemeinschaftsformen wie den Stamm, das Dorf, die Familie oder die Nation scheint in der Soziologie mittlerweile mehr oder weniger beschlossene Sache zu sein. Doch wie Wolfgang Gabbert am Beispiel Mexicos aufzeigt, führt auch gerade die Modernisierung in einigen Regionen dazu, dass sich Gruppen von Menschen auf der Grundlage traditionaler Kriterien, wie Abstammung oder Heimat, bilden. So grenzen sich Migranten aus einer bestimmten Region in Mexiko durch ihre Herkunft von US-Amerikanern und auch anderen Mexikanern ab und schaffen durch die Rückbindung an ihre Heimatdörfer auch dort ein Identitätsgefühl, das auf einer gemeinsamen Abstammung bzw. Herkunft basiert.

Dass es aber auch durchaus moderne oder sogar postmoderne Formen der Gemeinschaftsbildung gibt, zeigen Ronald Hitzler und Michaela Pfadenhauer auf, wenn sie “posttraditionale Gemeinschaften” in den Blick nehmen. Diese Gemeinschaften zeichnen sich zwar durch eine emotionale Verbindung und wechselseitige Solidarität aus, unterscheiden sich jedoch deutlich von traditionalen Gemeinschaften:  So basieren sie nicht auf “angeborenen” Merkmalen wie Wohnort, Abstammung oder Religion und begleiten den Menschen über sein gesamtes Leben und in allen Lebensbereichen, sondern beruhen vielmehr auf einer freiwilligen Entscheidung des Einzelnen, sich für eine begrenzte Zeit einer Gemeinschaft anzuschließen und so eine bestimmte Identität anzunehmen. Als Beispiel ließen sich hier Markengemeinschaften nennen, die sich um ein Produkt oder eine Marke herum bilden (z.B. Apple, Opel…) und die dem Einzelnen dann Orientierung für einen gewissen Lebensbereich bieten. Gleichzeitig sind diese Gemeinschaften nicht so bindend wie traditionale Gemeinschaften, da man sie jederzeit und ohne Sanktionen befürchten zu müssen verlassen kann, um sich anderen Gruppen anzuschließen.  

Das Kernproblem bei der Entwicklung von modernen Formen der Vergemeinschaftung ist, dass diese in einem Paradox gefangen sind: Einerseits sollen sie ihren Mitglieder ein Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln und Orientierungen und Interpretationsmuster anbieten, andererseits dürfen sie aber auch die Freiheit des Einzelnen nicht zu sehr einschränken. Welche dauerhaften Formen sich hier schließlich herausbilden und ob diese in der Lage sind, eine moderne Wirtschaft und Demokratie zu tragen, bleibt abzuwarten.


9

Okt

DGS: The end of the world as we know it

Ein Höhepunkt des ersten echten Kongresstages gestern war sicherlich der Abendvortrag von Colin Crouch über das 21. Jahrhundert als Zeitalter der Unsicherheit. Im Lichte der aktuellen Ereignisse an den Finanzmärkten ging es dann aber in erster Linie um das Ende dessen, was Crouch den “privatisierten Keynesianismus” nennt. Er analysiert die wirtschaftliche Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg in zwei Epochen: Der Epoche des staatlichen Keynesianismus, in der die Nachfrage auf den Märkten durch eine Verschuldung des Staates aufrecht erhalten wird, und die Epoche des Neo-Liberalismus und des “privatisierten Keynesianismus”, in dem die Nachfrage durch die Verschuldung der privaten Haushalte finanziert wird. Dieses Modell ist seiner Ansicht nach nun an seinem Ende angekommen und es ist unklar, welches Paradigma in Zukunft das System des Massenkonsums aufrecht erhalten soll.

War seine Analyse bis zu diesem Punkt auf jeden Fall überzeugend, wurde es danach ein wenig schwerer verständlich: Er prognostiziert nämlich, dass in Zukunft eine stärkere Verknüpfung von Regierung und Wirtschaft erfolgen wird und das neo-liberale Modell getrennter wirtschaftlicher und politischer Sphären nicht länger aufrecht erhalten werden kann. In diesem neuen Modell sieht er große Unternehmen als wichtige Ratgeber der Politik und auch tatkräftige Mitgestalter. Der Verlust an demokratischer Legitimation wird dabei, in seinen Augen, aufgefangen von einer sozialen Verantwortung, die die Konzerne selber übernehmen, wie sie heute als “Corporate Responsibility” diskutiert wird.

Ich weiß nicht, wie ich seine Prognose bewerten soll, wenn sie denn tatsächlich so gemeint war, wie ich sie verstanden habe: Entweder sieht Crouch etwas auf uns zukommen, was für mich sehr nach einem Modell á la “Brave New World” klingt, in dem Menschen in erster Linie als Arbeitskraft gesehen werden und alle sozialen Einrichtungen nur am Erhalt dieser ausgerichtet sind, oder er schaut sehr idealistisch auf die Fähigkeit und den Willen der großen Konzerne, soziale Verantwortung abseits von Berichten oder prestigeträchtigen Leuchtturm-Projekte, soziale Verantwortung zu übernehmen.

Auf jeden Fall nehme ich aus diesem Vortrag mit, dass er ihn besser in seiner Muttersprache Englisch gehalten hätte - auch wenn sein Deutsch extrem gut ist - weil gerade bei komplexen Argumentationen viel von einer präzisen und klaren Ausdrucksweise abhängt.


8

Okt

DGS: Netzwerkgesellschaft mal anders

Die “Netzwerkgesellschaft” ist mittlerweile ein Schlagwort, das immer wieder verwendet wird, um die moderne Gesellschaft zu charakterisieren. Waren-, Personen-, Kapital- und Kommunikationsströme verbinden Menschen und Organisationen auf der ganzen Welt und schaffen so Netzwerke, die die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung prägen. Eine andere Perspektive auf den Begriff hat Boris Holzer in seinem Vortrag vorgestellt. Er schlägt vor, den Begriff auf einen bestimmten Typus von Gesellschafts- und Wirtschaftssystem anzuwenden, in dem persönliche Netzwerke das wichtigste Mittel für gesellschaftliches Handeln sind - zentrale Beispiele sind hier die chinesischen Guanxi-Netzwerke und die Dominanz persönlicher Netzwerke in vielen postsozialistischen Transformationsstaaten. Eine spannende Überlegung, die den Begriff “Netzwerkgesellschaft” von einem Schlagwort, das wenig empirische Unterscheidungskraft enthält, zu einem kategorialen Begriff machen, der es erlaubt, verschiedene Formen (post-)moderner Gesellschaftssysteme zu unterscheiden. Insbesondere Wirtschaftskreisläufe außerhalb des klassischen Wirtschafts- und Verwaltungssystems können auf diese Weise theoretisch erfasst und konzipiert werden.


7

Okt

DGS: Soziologische Theorie und ihre praktische Umsetzung

Soziologische Forschung ist groß darin, gesellschaftliche Entwicklungen zu beobachten und sie mit wissenschaftlichen Begriffen zu beschreiben und zu analysieren. Was sie jedoch oftmal außer acht lässt, ist der Einfluss den diese Entwicklungen auf das konkrete Leben der Menschen haben. Zwar ist der soziologischen Theorie bewusst, dass gesellschaftliche Strukturen nur durch die Menschen, die sie reproduzieren aufrecht erhalten werden können, in der Forschungspraxis wird diese Verbindung jedoch oftmals vernachlässigt.

Am Beispiel der “Prekarisierung” der Beschäftigungssituationen durch immer mehr befristete Verträge, einen fordernden Wohlfahrtsstaat und zunehmende “Eigenverantwortung” und den damit verbundenen Wandel der Geschlechterrollen hat Irene Dölling in ihrer Mittagsvorlesung aufgezeigt, dass Menschen gesellschaftliche Veränderungen nicht in wissenschaftlichen Begriffen wahrnehmen, sondern sie vielmehr vor dem Hintergrund ihres eigenen Wissens und ihrer eigenen Erfahrungen interpretieren. Es kommt demnach selten zu der theoretisch vorhergesagten Reaktion, sondern vielmehr entwickelt jedes Individuum einen eigenen Umgang mit den Veränderungen in seinem Umfeld. Es muss also darum gehen, nicht nur Erklärungen auf der Makro-Ebene zu liefern, sondern auch die individuellen Reaktionen auf die Veränderungen theoretisch zu konzeptionieren. Denn im Endeffekt sind es die Menschen und nicht die Soziologie, die neue gesellschaftliche Strukturen erzeugen.

Dieser Ansatz einer “praxeologischen Soziologie”, die das konkrete Handeln der Menschen in den Blick nimmt, interessiert mich schon seit einiger Zeit und wird aller Voraussicht nach eine wichtige Rolle in meinem Dissertationsprojekt spielen, das ich momentan konzipiere. Darüber wird es hier also wahrscheinlich noch so einiges zu lesen geben.


6

Okt

DGS: Soziologie - global gedacht

Vortrag Nummer zwei an diesem Abend stammte von Ulrich Beck. Ihm ging es in erste Linie darum, aufzuzeigen, vor welchen Herausforderungen die Soziologie der nächsten Jahrzehnte steht. Dabei ist ihm insbesondere die zunehmende Entgrenzung wichtig, durch die die klassischen nationalstaatlichen Grenzen in der Soziologie im Prinzip nicht mehr aufrecht erhalten werden können. Allerdings ist nahezu die gesamte soziologische Methodik und Theorie noch auf einen klassischen abgegrenzten Nationalsaat ausgerichtet, ein Umstand, den er als “methodologischen Nationalismus” bezeichnet.

So werden soziale Ungleichheiten beispielsweise meist nur auf nationaler Ebene betrachtet: Deutsche Arbeiter vergleichen sich mit deutschen Angestellten, polnische Landbewohner mit polnischen Stadtbewohnern, spanische Frauen mit spanischen Männern. Tatsächlich entwickelt sich jedoch immer mehr ein Bewusstsein, dass auch Menschen außerhalb des eigenen Landes einen Vergleichsmaßstab darstellen können. Um mit diesen Veränderungen umgehen zu können, muss die Soziologie ein neues Instrumentarium entwickeln, das sich nicht mehr an der Fiktion des Nationalstaats orientiert, sondern das mit sozialen Gruppen auch ohne diese nationale Verankerung umgehen kann, eine Herangehensweise, die Beck als “methodologischen Kosmopolitismus” bezeichnet.

Dabei geht er jedoch, in meinen Augen, zu sehr davon aus, dass die nationale Ebene tatsächlich ab einem gewissen Punkt vollkommen irrelevant wird. So beschreibt er nationale Grenzen zwar als “Wasserscheiden der Wahrnhemung” der Soziologie, hinter die sie nicht blicken könne, lässt aber gleichzeitig außer acht, dass auch die Menschen, die Ungleichheiten wahrnehmen, ihre Wahrnehmung an nationalen Grenzen ausrichten. In meinen Augen ist es nämlich keineswegs so, dass ein “globaler Gerechtigkeitsmaßstab” bereits vollkommen etabliert ist. Vielmehr denke ich, dass dieser lediglich ein theoretisches Konstrukt ist, das der distanzierten Perspektive der Wissenschaft entspringt: Weil es so scheint, dass es keinen rationalen Grund für die Menschen mehr gibt, sich lediglich auf nationaler Ebene zu orientieren und zu vergleichen wird angenommen, dass sie es auch nicht mehr tun. Dass diese Annahme gerechtfertigt ist, wage ich zu bezweifeln.


27

Aug

Mann und Frau - eine unendliche Geschichte…

Dass Frauen heutzutage in der Gesellschaft benachteiligt werden ist hinlänglich bekannt und wird immer wieder gerne betont. Ich will an dieser Stelle den Spieß einfach mal umdrehen und ein paar Punkte anführen, inwiefern Männer heutzutage Frauen gegenüber benachteiligt werden:

Erziehung: Nahezu die komplette Erziehung bis zur Sekundarstufe I außerhalb der Familie erfahren Kinder - und damit auch Jungs - von Frauen. Ich kenne keine Zahlen, aber “Tagesväter”, “Kindergärtner” und “Grundschullehrer” sind in meiner Wahrnehmung auf jeden Fall Exoten und keineswegs die Regel. Eine einseitige Erziehung, fehlende männliche Rollenvorbilder und eine Dominanz von Werten, die tendenziell eher von Frauen vertreten werden. Wie es Ralf Neukirch in einem lesenswerten SpiegelOnline-Artikel pointiert ausdrückt:

Dazu gehört die Überzeugung, dass Verhalten, das typisch männlich ist - oder als solches gilt -, schlecht ist. Jede harmlose Schulhofrangelei steht mittlerweile unter Gewaltverdacht und wird unterbunden. Natürlich ist es sinnvoll, kleinen Jungen zu erklären, dass Schlagen keine Lösung ist. Aber muss bei jeder Rauferei gleich der Konfliktlotse angerannt kommen?

Der Unterricht, schreibt der Frankfurter Bildungsforscher Frank Dammasch, sei eher an weibliche Formen des Lernens und Gestaltens angepasst. Wenn sich Jungen wie Jungen verhalten, wird dies dagegen sanktioniert.

Auch bei der Benotung in der Schule werden Jungen mittlerweile offenbar systematisch benachteiligt, indem sie für gleiche Leistungen schlechter benotet und für ihr unangepassteres Verhalten bestraft werden (Quelle)

Berufsleben: Es gibt zahlreiche Bereiche, in denen Männern Frauen gegenüber massiv unterrepräsentiert sind: Auch hier, ohne genaue Zahlen zu kennen, tippe ich auf Lehrer (insb. Grund- und Sonderschule), Arzthelfer, Pfleger, Kunst und Kultur, Kommunikation und Marketing usw. Ich warte ja immer noch auf Programme, die versuchen, Jungs für den Lehrerberuf oder die Sozialpädagogik zu begeistern…

Familie: Auch in der modernen Familie ist die Rollenverteilung eindeutig: der Mann sorgt dafür, dass die Familie gesichert ist, die Frau verdient etwas dazu, wenn sie einen Job findet. Ab einem gewissen Wohlstand hat die Frau also prinzipiell die Wahl, ob sie arbeiten, sich eine Familie “zulegen” oder sich ehrenamtlich engagieren wil, der Mann sorgt ja für das Einkommen und sein Karrierestreben sichert seinen Arbeitsplatz auch für die nächsten Jahre. Der Mann hat keine Wahl. Er muss sich in die Mühlen eines Unternehmens begeben und das Geld heranschaffen. Gleichzeitig soll er bitte noch die Rente für beide Eheparnter sichern, als “emanzipierter” Mann seinen Teil der Hausarbeit leisten und sich in der Erziehung und Betreuung der Kinder einbringen…. Wieder pointiert ausgedrückt, diesmal von der Sängerin Annett Louisan:

sie nennt ihn männlich nur wenn er ihr nützt
wenn er sie füttert, wenn er sie beschützt
wenn er nicht spurt, ist er ´n chauvinist, wenn er spaß hat ´n egoist
(er)

Schön und gut, jetzt wissen wir also, dass auch Männer Frauen gegenüber oftmals benachteiligt sind. Und nu? Werfen wir uns gegenseitig unser Leid an den Kopf und schauen, wer als erstes in die Knie geht? Hetzen wir zwei Stellvertreter aufeinander los und wer als erstes blutet verliert?

Ich glaube nicht, dass das aktuelle System von institutionalisiertem Feminismus und etablierter positiver Diskriminierung von Frauen wirklich zu einer Lösung der Probleme führt. Vielmehr müsste es darum gehen, ein Rollenverständnis zu entwickeln, dass einerseits dem Streben nach Glück jedes Einzelnen gerecht wird - egal ob Mann oder Frau - und das gleichzeitig die funktionalen Anforderungen, die unsere modernen Systeme an die Gesellschaft stellen, in angemessener Form erfüllen kann.

Grundsätzlich gibt es für ein solches System in meinen Augen zwei Möglichkeiten, zwischen denen im Grunde eine “einfache” Frage entscheiden würde: Sind Männer und Frauen nur durch ihre Erziehung unterschiedlich oder gibt es tatsächliche, systematische Unterschiede in den Interessen und Fähigkeiten von Frauen und Männern?

Wenn man annimmt, dass Frauen und Männer sich nur durch ihre Erziehung von einander “entfernen”, ist das Idealbild einfach gemalt: Alles gleich. Gleiche Erziehung, gleiche Bildung, gleiche Werte, gleiche Karrierewege… Geht man aber davon aus, dass es eben doch “den kleinen Unterschied” gibt, - und bin mir dessen, ehrlich gesagt, ziemlich sicher - wird die Sache deutlich komplizierter. Ungleiche Verteilungen auf Berufsfelder, ungleiche Aufstiegschancen usw. sind dann nämlich nicht zwangsläufig auch ungerecht und das können Feministinnen ja nun schwerlich zugeben…


2

Aug

Noten als fairer Leistungsmaßstab?

Es ist schon einige Zeit her, dass ich das letzte mal über die Aussagekraft von Noten geschrieben habe (Wissen nach Noten?), ein aktueller Artikel aus der Süddeutschen macht mal wieder deutlich, wie sehr das deutsche System auch an seiner Notengebung krankt. Heutzutage geht fast alles nach Noten: In einigen Bundesländern die Empfehlung beim Übergang zur Sekundarstufe, also die wichtigste Entscheidung in der Bildungskarriere eines Menschen, bei der Wahl eines Studienplatzes und schließlich auch bei der Bewerbung für eine Stelle. Immer wieder werden die Noten als wichtiges Kriterium für die Entscheidung herangezogen. Es stünde also eigentlich zu hoffen, dass Noten tatsächlich etwas aussagen, dass sie, wie es die Signaltheorie der Bildungsforschung es formuliert, ein verlässlicher Hinweis auf die Fähigkeiten und die zukünftige Leistung in Schule, Studium und Beruf sein können.

Ein aktueller Fall von einer bayerischen Grundschule zeigt nun, dass Noten keineswegs aussagekräftig sind und ist gleichzeitig ein erschreckendes Beispiel dafür, wie inmitten der deutschen Bildungsmisere, gute und fähige Lehrer systematisch demontiert und demotiviert werden:

Der Satz knallte ihr ins Gesicht wie eine Ohrfeige: “Sie haben sich an das Niveau der Parallelkollegen anzupassen!” Sabine Czerny, seit zehn Jahren Grundschullehrerin, konnte nicht fassen, was der Schulrat da in einer dienstlichen Unterredung befahl. Sich an das Niveau der Parallelklasse anzupassen - das hätte in ihrem Fall bedeutet, sich nach unten zu orientieren, schlechtere Resultate zu produzieren, nicht bessere.

Doch sie hatte richtig gehört: Was den Vorgesetzten aus dem Schulamt störte, war die Tatsache, dass die Kinder aus Sabine Czernys zweiter Klasse einer Grundschule im Münchner Umland so gut lernten, dass sich die Eltern der Parallelklassen beschwerten.

(Quelle: Sueddeutsche.de - Nicht zu viele Einser, bitte!)

Was soll einem dazu noch einfallen? Da ist eine Lehrerin, die sich engagiert, die ihre Schüler für das Lernen begeistert und die sich regelmäßig in Fortbildungen auf den neuesten Stand der Pädagogik versetzen lässt und dann muss sie sich anhören: “Sie sind zu gut!” Sie kann ihre Schüler nicht nach deren tatsächlicher Leistung bewerten, weil das Notenspektrum ausgeschöpft werden soll und weil es ja “nicht sein kann, dass alle ihre Schüler so gut sind”. Dabei zeigt sich hier nur mal wieder, welches Potential in jedem Kind steckt, wenn es nur ausreichend gefördert wird. Wenn es motivierte Lehrer hat, die ihm den Spaß am Lernen vermitteln und nicht vermiesen. Es zeigt jedem, dass es nicht die Kinder sind, die “zu blöd” oder “zu desinteressiert” sind, sondern dass die Schule ihnen systematisch alle Motivation nimmt, etwas zu lernen und neugierig zu sein.

Es zeigt aber auch, wie wenig aussagekräftig Noten sind, weil sie von der durchschnittlichen Leistung einer Klasse abhängig gemacht werden. Da man von der Annahme ausgeht, dass Schulnoten, genau wie Intelligenz, annähernd normalverteilt ist, kann es nicht sein, dass sich in einer Klasse die guten Noten häufen, also müssen gute Schüler schlecht benotet werden. Wer in der einen Klasse locker eine eins bekommen hätte, bekommt in einer anderen vielleicht nur eine drei. Fair, objektiv und aussagekräftig ist das bestimmt nicht.