Kategorie: Gesellschaft

27

Aug

Mann und Frau - eine unendliche Geschichte…

Dass Frauen heutzutage in der Gesellschaft benachteiligt werden ist hinlänglich bekannt und wird immer wieder gerne betont. Ich will an dieser Stelle den Spieß einfach mal umdrehen und ein paar Punkte anführen, inwiefern Männer heutzutage Frauen gegenüber benachteiligt werden:

Erziehung: Nahezu die komplette Erziehung bis zur Sekundarstufe I außerhalb der Familie erfahren Kinder - und damit auch Jungs - von Frauen. Ich kenne keine Zahlen, aber “Tagesväter”, “Kindergärtner” und “Grundschullehrer” sind in meiner Wahrnehmung auf jeden Fall Exoten und keineswegs die Regel. Eine einseitige Erziehung, fehlende männliche Rollenvorbilder und eine Dominanz von Werten, die tendenziell eher von Frauen vertreten werden. Wie es Ralf Neukirch in einem lesenswerten SpiegelOnline-Artikel pointiert ausdrückt:

Dazu gehört die Überzeugung, dass Verhalten, das typisch männlich ist - oder als solches gilt -, schlecht ist. Jede harmlose Schulhofrangelei steht mittlerweile unter Gewaltverdacht und wird unterbunden. Natürlich ist es sinnvoll, kleinen Jungen zu erklären, dass Schlagen keine Lösung ist. Aber muss bei jeder Rauferei gleich der Konfliktlotse angerannt kommen?

Der Unterricht, schreibt der Frankfurter Bildungsforscher Frank Dammasch, sei eher an weibliche Formen des Lernens und Gestaltens angepasst. Wenn sich Jungen wie Jungen verhalten, wird dies dagegen sanktioniert.

Auch bei der Benotung in der Schule werden Jungen mittlerweile offenbar systematisch benachteiligt, indem sie für gleiche Leistungen schlechter benotet und für ihr unangepassteres Verhalten bestraft werden (Quelle)

Berufsleben: Es gibt zahlreiche Bereiche, in denen Männern Frauen gegenüber massiv unterrepräsentiert sind: Auch hier, ohne genaue Zahlen zu kennen, tippe ich auf Lehrer (insb. Grund- und Sonderschule), Arzthelfer, Pfleger, Kunst und Kultur, Kommunikation und Marketing usw. Ich warte ja immer noch auf Programme, die versuchen, Jungs für den Lehrerberuf oder die Sozialpädagogik zu begeistern…

Familie: Auch in der modernen Familie ist die Rollenverteilung eindeutig: der Mann sorgt dafür, dass die Familie gesichert ist, die Frau verdient etwas dazu, wenn sie einen Job findet. Ab einem gewissen Wohlstand hat die Frau also prinzipiell die Wahl, ob sie arbeiten, sich eine Familie “zulegen” oder sich ehrenamtlich engagieren wil, der Mann sorgt ja für das Einkommen und sein Karrierestreben sichert seinen Arbeitsplatz auch für die nächsten Jahre. Der Mann hat keine Wahl. Er muss sich in die Mühlen eines Unternehmens begeben und das Geld heranschaffen. Gleichzeitig soll er bitte noch die Rente für beide Eheparnter sichern, als “emanzipierter” Mann seinen Teil der Hausarbeit leisten und sich in der Erziehung und Betreuung der Kinder einbringen…. Wieder pointiert ausgedrückt, diesmal von der Sängerin Annett Louisan:

sie nennt ihn männlich nur wenn er ihr nützt
wenn er sie füttert, wenn er sie beschützt
wenn er nicht spurt, ist er ´n chauvinist, wenn er spaß hat ´n egoist
(er)

Schön und gut, jetzt wissen wir also, dass auch Männer Frauen gegenüber oftmals benachteiligt sind. Und nu? Werfen wir uns gegenseitig unser Leid an den Kopf und schauen, wer als erstes in die Knie geht? Hetzen wir zwei Stellvertreter aufeinander los und wer als erstes blutet verliert?

Ich glaube nicht, dass das aktuelle System von institutionalisiertem Feminismus und etablierter positiver Diskriminierung von Frauen wirklich zu einer Lösung der Probleme führt. Vielmehr müsste es darum gehen, ein Rollenverständnis zu entwickeln, dass einerseits dem Streben nach Glück jedes Einzelnen gerecht wird - egal ob Mann oder Frau - und das gleichzeitig die funktionalen Anforderungen, die unsere modernen Systeme an die Gesellschaft stellen, in angemessener Form erfüllen kann.

Grundsätzlich gibt es für ein solches System in meinen Augen zwei Möglichkeiten, zwischen denen im Grunde eine “einfache” Frage entscheiden würde: Sind Männer und Frauen nur durch ihre Erziehung unterschiedlich oder gibt es tatsächliche, systematische Unterschiede in den Interessen und Fähigkeiten von Frauen und Männern?

Wenn man annimmt, dass Frauen und Männer sich nur durch ihre Erziehung von einander “entfernen”, ist das Idealbild einfach gemalt: Alles gleich. Gleiche Erziehung, gleiche Bildung, gleiche Werte, gleiche Karrierewege… Geht man aber davon aus, dass es eben doch “den kleinen Unterschied” gibt, - und bin mir dessen, ehrlich gesagt, ziemlich sicher - wird die Sache deutlich komplizierter. Ungleiche Verteilungen auf Berufsfelder, ungleiche Aufstiegschancen usw. sind dann nämlich nicht zwangsläufig auch ungerecht und das können Feministinnen ja nun schwerlich zugeben…


2

Aug

Noten als fairer Leistungsmaßstab?

Es ist schon einige Zeit her, dass ich das letzte mal über die Aussagekraft von Noten geschrieben habe (Wissen nach Noten?), ein aktueller Artikel aus der Süddeutschen macht mal wieder deutlich, wie sehr das deutsche System auch an seiner Notengebung krankt. Heutzutage geht fast alles nach Noten: In einigen Bundesländern die Empfehlung beim Übergang zur Sekundarstufe, also die wichtigste Entscheidung in der Bildungskarriere eines Menschen, bei der Wahl eines Studienplatzes und schließlich auch bei der Bewerbung für eine Stelle. Immer wieder werden die Noten als wichtiges Kriterium für die Entscheidung herangezogen. Es stünde also eigentlich zu hoffen, dass Noten tatsächlich etwas aussagen, dass sie, wie es die Signaltheorie der Bildungsforschung es formuliert, ein verlässlicher Hinweis auf die Fähigkeiten und die zukünftige Leistung in Schule, Studium und Beruf sein können.

Ein aktueller Fall von einer bayerischen Grundschule zeigt nun, dass Noten keineswegs aussagekräftig sind und ist gleichzeitig ein erschreckendes Beispiel dafür, wie inmitten der deutschen Bildungsmisere, gute und fähige Lehrer systematisch demontiert und demotiviert werden:

Der Satz knallte ihr ins Gesicht wie eine Ohrfeige: “Sie haben sich an das Niveau der Parallelkollegen anzupassen!” Sabine Czerny, seit zehn Jahren Grundschullehrerin, konnte nicht fassen, was der Schulrat da in einer dienstlichen Unterredung befahl. Sich an das Niveau der Parallelklasse anzupassen - das hätte in ihrem Fall bedeutet, sich nach unten zu orientieren, schlechtere Resultate zu produzieren, nicht bessere.

Doch sie hatte richtig gehört: Was den Vorgesetzten aus dem Schulamt störte, war die Tatsache, dass die Kinder aus Sabine Czernys zweiter Klasse einer Grundschule im Münchner Umland so gut lernten, dass sich die Eltern der Parallelklassen beschwerten.

(Quelle: Sueddeutsche.de - Nicht zu viele Einser, bitte!)

Was soll einem dazu noch einfallen? Da ist eine Lehrerin, die sich engagiert, die ihre Schüler für das Lernen begeistert und die sich regelmäßig in Fortbildungen auf den neuesten Stand der Pädagogik versetzen lässt und dann muss sie sich anhören: “Sie sind zu gut!” Sie kann ihre Schüler nicht nach deren tatsächlicher Leistung bewerten, weil das Notenspektrum ausgeschöpft werden soll und weil es ja “nicht sein kann, dass alle ihre Schüler so gut sind”. Dabei zeigt sich hier nur mal wieder, welches Potential in jedem Kind steckt, wenn es nur ausreichend gefördert wird. Wenn es motivierte Lehrer hat, die ihm den Spaß am Lernen vermitteln und nicht vermiesen. Es zeigt jedem, dass es nicht die Kinder sind, die “zu blöd” oder “zu desinteressiert” sind, sondern dass die Schule ihnen systematisch alle Motivation nimmt, etwas zu lernen und neugierig zu sein.

Es zeigt aber auch, wie wenig aussagekräftig Noten sind, weil sie von der durchschnittlichen Leistung einer Klasse abhängig gemacht werden. Da man von der Annahme ausgeht, dass Schulnoten, genau wie Intelligenz, annähernd normalverteilt ist, kann es nicht sein, dass sich in einer Klasse die guten Noten häufen, also müssen gute Schüler schlecht benotet werden. Wer in der einen Klasse locker eine eins bekommen hätte, bekommt in einer anderen vielleicht nur eine drei. Fair, objektiv und aussagekräftig ist das bestimmt nicht.


13

Jul

Tja EU, was denn nu?

Es mag wie ein Schildbürgerstreich klingen, aber an der Deutsch-Dänischen Grenze können Taxifahrer momentan nur wählen, ob sie lieber deutsches oder dänisches Recht brechen. Der Hintergrund: Vor einiger Zeit transportiere ein deutscher Taxifahrer Männer über die dänische Grenze, die sich bei einer Kontrolle hinter der Grenze als illegale Einwanderer erwiesen. Ein dänisches Gericht stellte sich auf den Standpunkt, dass dieser Taxifahrer sich der “Schleuserei” schuldig gemacht habe. Er hätte vor der Überquerung der Grenze die Papiere der Männer kontrollieren müssen. Also müsste zukünftig jeder Taxifahrer, der Fahrgäste über eine Grenze transportiert, deren Papiere kontrollieren. In der Praxis kaum möglich. Aber auch eine Kontrolle der Papiere von “ausländisch aussehenden” Fahrgästen ist problematisch, da sie gegen das deutsche Diskriminierungsverbot verstoßen könnte…

Sicherlich nur ein kleines Beispiel, welche Probleme an den innereuropäischen Grenzen entstehen, solange dort unterschiedliche Rechtsordnungen aufeinander stoßen, aber es macht sehr deutlich, dass die europäische Integration zwar bereits fortgeschritten ist, jedoch bereits zu einigen Widersprüchen führt, die kurzfristig kaum auflösbar scheinen. Auf lange Frist gibt es aber nur drei Möglichkeiten, mit diesen Widersprüchen umzugehen, von denen zwei nicht wünschenswert und einer utopisch erscheinen:

  1. Reglementierung: Für jeden dieser potentiellen Konfliktfälle der Rechtsordnungen könnte eine spezifische Lösung geschaffen werden. Dies würde das Regelwerk der EU jedoch noch weiter aufblähen und könnte neu auftretende Konflikte erst im nachhinein beheben.
  2. Rechtsunsicherheit: Man kann auch einfach nichts tun und diese Konflikte bestehen lassen, sodass der Bürger im Zweifelsfalle nicht weiß, was er zu tun hat und die rechtliche Bewertung erst im Nachhinein durch ein Gericht durchgeführt wird.
  3. Vereinheitlichung: Man könnte die Konflikte auch dadurch lösen, dass man die Rechtsordnungen der verschiedenen Länder aneinander anpasst und damit das Entstehen von Widersprüchen verhindert.

Welche der drei Möglichkeiten meiner Ansicht nach in welche Kategorie fällt, bleibt euch zum Nachdenken überlassen… ;-)

(Quelle: taz.de; Via: taxi-blog.de)


14

Jun

Lissabon, Irland und die Demokratie

Nun ist es also passiert. Im einzigen Land, in dem der mühsam ausgehandelte EU-Reformvertrag durch eine Volksabstimmung bestätigt werden muss, haben sich die Bürger für ein "Nein" entschieden. Wie schon der Vertrag von Nizza 2001 und der "Verfassungsvertrag" 2005, ist nun auch der Lissabon-Vertrag am Veto der Bürger eines Landes (vorerst) gescheitert. Das Ergebnis der Abstimmung in Irland ist einerseits ein herber Rückschlag für die weitere Integration der EU, da sie mit 27 Mitgliedstaaten in ihrer bisherigen Form kaum langfristig handlungsfähig bleiben wird, und andererseits ein deutliches Indiz für eines der zentralen Probleme der EU: Die fehlende Verankerung und Legitimation durch die Bevölkerung.

Ich persönlich bin ein großer Freund der europäischen Integration und hoffe, dass das Referendum diesem Prozess keinen allzugroßen Schaden zufügt, aber noch mehr hoffe ich, dass die Verantwortlichen aus diesem Ergebnis die richtigen Schlüsse im Hinblick auf die Politikgestaltung der EU ziehen.

Heutzutage ist die EU in erster Linie ein riesiger Beamtenapparat, der sich die Themen, mit denen er sich beschäftigt, weitestgehend selber heraus sucht. Die Entscheidungsfindung ist hier, im Gegensatz zu nationaler Politik, kein politischer Prozess, in dem Vorschläge öffentlich diskutiert werden, Parteien den Willen ihrer Wähler explizit berücksichtigen müssen und Medien einen großen Anteil an der öffentlichen Darstellung der Entscheidungsprozesse haben. In der EU finden Entscheidungen viel kleinschrittiger statt. Die zentralen Instanzen sind die Expertengremien der Europäischen Kommission, in denen Ministerialbeamte aller Mitgliedsstaaten vertreten sind. Hier werden Themen diskutiert und "kleingearbeitet", bis die Interessen aller Nationen berücksichtigt sind. Das Europäische Parlament kann dann in den meisten Fällen noch als Korrektiv fungieren, aber im Ministerrat und auch im Europäischen Rat finden nur in wenigen Fällen noch inhaltliche Diskussionen statt. Anstehende Vorlagen werden oftmals "im Paket" abgenicktstimmt.

Damit stellen die Entscheidungen der EU sachlich gut begründete Versuche dar, die Interessen der Mitgliedsstaaten zusammenzuführen. Sie werden jedoch von den Menschen als Ergebnisse undurchsichtiger Prozesse eines gigantischen bürokratischen Apparats wahrgenommen und nicht als Entscheidungen, die in einem demokratischen Entscheidungsprozess getroffen wurden. Vor diesem Hintergrund verwundert es wenig, dass Reformvorhaben der EU dann, wenn sie dem Volk zur Entscheidung übergeben werden, vor einer großen Hürde stehen.

Irland jetzt zu brandmarken oder aus dem zukünftigen Integrationsprozess auszuschließen, würde dem Ausschluss eines unbequemen Kritikers gleichkommen, der die EU ermahnt, sich ihrer demokratischen Wurzeln zu besinnen. Vielmehr sollten Lehren daraus gezogen und alle Versuche verstärkt werden, die Bevölkerung mehr in die Entscheidungsfindung auf der europäischen Ebene einzubeziehen.


24

Mai

Jugendarbeit mal anders

Jugendarbeit wird meist als das Metier professioneller Sozialarbeiter oder ehrenamtlich engagierter Bürger betrachtet, die etwas “für” die Jugendlichen auf die Beine stellen.  Dass es auch anders geht, zeigen vier Jugendliche in Hamburg: Sie organisieren einmal im Monat eine Party, zu der nur Gäste unter 19 Jahren zugelassen sind. Ohne Alkohol und Zigaretten und zu jugendkompatiblen Zeiten wird hier gefeiert. Die Gäste sehen den Underage-Club als eine Möglichkeit, zu feiern, ohne dabei mit Erwachsenen zu konkurrieren. In geschütztem Rahmen können sich die Jugendlichen hier ausleben und müssen ihre Parties nicht in Bushäuschen oder auf Parkplätzen veranstalten.

Respekt und herzlichen Dank an die vier Organisatoren.

(Quelle: Party? Machen wir jetzt selbst)


13

Apr

DSDS, Entmündigung und Verantwortlichkeit

Bei SpiegelOnline kommentiert Henryk M. Broder die aktuelle Debatte um den Jugendschutz in Casting-Sendungen wie “Deutschland sucht den Superstar”. Seine Argumentation dabei lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Die Teilnehmer sehen sich einer Chance gegenüber, es zu etwas zu bringen, und stellen sich freiwillig der Bewertung durch die Jury. Wie immer im Leben gebe es dabei Gewinner und Verlierer und es sei im Prinzip egal, ob dies vor einem Millionenpublikum geschehe, oder im örtlichen Fußballverein. Jugendlichen eine Teilnahme zu verbieten, komme demnach einer Entmündigung gleich, wie sie “zum Programm aller Erziehungsdiktaturen” gehört.

Wenn man Broders Argument überspitzt, könnte man aber auch folgendermaßen argumentieren: Wenn ein Medikament in einem von 100 Fällen Superkräfte verleiht, in 20 von 100 aber zum sofortigen Tode führt, kann es frei verkäuflich und ohne Hinweis auf die möglichen Nebenwirkungen im Supermarkt angeboten werden. Jeder ist ja frei in seiner Entscheidung, das Medikament zu kaufen. Überlassen wir es dem Markt, denn über die Risiken kann sich ja jeder aus den Todesanzeigen in der Zeitung informieren. Ganz ähnlich verhält es sich bei DSDS und anderen Casting-Shows. Sie versprechen einigen wenigen einen exorbitanten Gewinn, nutzen es dabei jedoch aus, dass es zahlreiche Verlierer geben wird. Die Nebenwirkungen werden nicht thematisiert und Berichterstattung darüber findet sich meist in den Medien, die von der entsprechenden Zielgruppe nicht wahrgenommen werden. Wenn der Staat also Schritte einleitet, Minderjährige vor diesen Nebenwirkungen, auf die sie niemand hinweist und die sie in keiner Weise abschätzen können, zu bewahren, entspricht dies natürlich einer Einschränkung ihrer Handlungsfreiheit, aber realistische Alternativen sehe ich keine.

Abschließend weist Broder jedoch noch kurz auf das eigentliche Problem hin: Den Willen der Menschen zur Verantwortlichkeit, aber dazu demnächst mehr.


30

Mär

Diskussionskultur, "Ja" oder "Nein"?

Und mal wieder (So unterschiedlich können Einschätzungen sein) ein Fall, in dem sich SPIEGEL Online und Sueddeutsche.de nicht einig sind: War die Runde, die Maybrit Illner am Donnerstag Abend zum Thema “Glotzen statt klotzen” im Studio versammelt hat, nun “eine spannende Diskussion” (Ein Pils für den Schreihals - Sueddeutsche.de) oder ein eindrucksvolles Zeichen mangelnder Diskussionskultur in der deutschen Öffentlichkeit:

Illners übrige Gäste dürfen dafür bewundert werden, dass ihnen ein Kunststück gelungen ist. Sie haben es geschafft, sechzig Minuten praktisch nichts zur Sache zu sagen und trotzdem eindrucksvoll bewiesen, wo das Kernproblem der Jugend-von-heute-Debatte liegt: In der fehlenden Diskussionskultur, im mangelnden Dialog zwischen Jung und Alt, der sich viel zu oberflächlich und alles andere als verständnisvoll gestaltet (Null Bock auf Gesprächskultur - SPIEGEL Online)

Auch wenn ich die Sendung nicht gesehen habe, neige ich dazu, Spiegel-Autor Sebastian Wieschowski zuzustimmen.


11

Mär

Die Wirtschaft wird von Menschen gemacht

Die letzten Tage, Wochen und Jahre waren nicht die besten für das Ansehen der Wirtschaft in der Bevölkerung. Und die Kritik ist einfach: Da werden Millionensummen innerhalb von Sekunden umgeschlagen, während viele Menschen sich keinen Urlaub leisten können. Mit einem Handstreich, so scheint es, werden Tausende auf die Straße gesetzt, von denen vermutlich viele keine neue Anstellung finden werden und gleichzeitig verkünden viele Konzerne  Rekordgewinne. Die Bezüge von Spitzenmanagern steigen überdurchschnittlich stark und dann werden einige beim Hinterziehen von Steuern erwischt.  Vielen scheint die Wirtschaft ein undurchdringliches System zu sein, dass sich nur um Geld dreht und auf nichts Anderes Rücksicht nimmt.

In der soziologischen Theorie gibt es einen Ansatz, der genau diesen Aspekt in den Mittelpunkt stellt: Die Theorie gesellschaftlicher Systeme (insb. von  Talcott Parsons, Niklas Luhmann). Diese Theorie geht davon aus, dass es innerhalb der Gesellschaft verschiedene Teile gibt, die jeweils eine ganz spezifische Funktion innerhalb der Gesellschaft erfüllen. So kann das Rechtssystem die Einhaltung von Gesetzen garantieren, das politische System wiederum schafft Gesetze und andere gesellschaftliche Regeln. Die Wirtschaft schließlich sorgt dafür, dass Güter und Dienstleistungen auf eine Weise eingesetzt werden, die sicherstellt, dass sie vermehrt und unter den Menschen verteilt werden. Dabei verfügt jedes System über ein eigenes generalisiertes Kommunikationsmedium, das man sich wie eine eigene Sprache vorstellen kann und über das es seine Operationen organisiert. Das Rechtssystem arbeitet hier mit der Rechtsprechung, die Politik mit Macht und die Wirtschaft mit Geld. Dabei verstehen diese Systeme nur ihre eigene Sprache und alles, was andere Systeme tun, müssen sie erst in ihre Sprache übersetzen. Die Wirtschaft interessiert sich nicht für die Rechtsprechung, solange sie keine finanziellen Konsequenzen hat, auch Politik und Gesellschaft müssen ihre Anforderungen an die Wirtschaft so konstruieren, dass sie sich in Geld ausdrücken.

Diese Perspektive, die ich hier natürlich vereinfacht dargestellt habe, liegt auch der Theorie von Jürgen Habermas zugrunde, der vor einer "Kolonialisierung der Lebenswelt durch die Systeme" warnt: Die Systeme, die sich in einem langen Prozess der Modernisierung herausgebildet haben, entfernen sich ihm zufolge immer weiter von dem Leben der Menschen und wirken bald als äußerer Zwang und entfremdete Macht. Die Menschen sehen sie dann nicht mehr als nützliche Einrichtungen an, die ihnen das Überleben sichern, sondern als Gegner, als etwas, gegen das es sich aufzulehnen gilt.

So nützlich diese Perspektive im analytischen und wissenschaftlichen Bereich ist und so treffend Habermas’ Kritik, in meinen Augen, einige heutige Entwicklungen beschreibt, gilt es, eine wichtige Sache nicht zu vergessen: Wirtschaft wird von Menschen gemacht. Diese Menschen sind wie du und ich: Sie haben Freunde und Familie, Träume und Ängste. Sie erfahren Druck und freuen sich über Lob und, nicht zu vergessen, sie leisten im Großen und Ganzen ziemlich gute Arbeit. Gerade Topmanager stehen unter einem unglaublichen Druck, die Renditeerwartungen der Investoren zu erfüllen. Sie haben jemanden, dem sie verantwortlich sind und der über ihr Wohl und Wehe in dem Unternehmen entscheidet. Von außen gesehen ist ihre Position natürlich eine privilegierte und ich bin mir sicher, den meisten unter ihnen ist das durchaus bewusst, wenn sie trotzdem Entscheidungen über eine Verlagerung der Produktion oder die Entlassung von Mitarbeitern treffen, bin ich mir sicher, dass sie dies nicht leichten Herzens tun.

(Anlass: "Wir sind doch keine Unmenschen")


28

Feb

Die Welt steht still

Improvisationstheater ist etwas Tolles: Für die Schauspieler funktioniert es in etwa wie eine Klospülung für’s Hirn, weil man das Denken einfach abschalten kann und muss und für das Publikum bedeutet es meist eine starke Beanspruchung des Zwerchfells. Man kann mit improvisiertem Theater aber auch sehr einfach viele Menschen stark irritieren, so wie es die Jungs und Mädels von Improv Everywhere in der New Yorker Grand Central Station mit der Hilfe von 200 Freiwilligen gemacht haben:

Die Regeln, nach denen unsere soziale Welt doch ganz passabel funktioniert und die wir Alle als selbstverständlich ansehen, einfach mal für ein paar Minuten infrage stellen…(Via: Slow down now blog)


23

Feb

Vertrauen adé?

Bernd Ziesemer, seines Zeichens Chefredakteur des Handelsblatts, kommentiert die momentan in Deutschland tobende Diskussion um Steuerflüchtlinge und um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, bedient er sich eines Zitats des ehemaligen US-Botschafters John Kornblum:

Wenn in den USA so etwas wie der Fall Zumwinkel passiert, geht der Mann mit Handschellen ins Gefängnis – in Deutschland bricht stattdessen eine Gerechtigkeitsdebatte los.

Richtig, die Deutschen neigen dazu, aus Mücken Elefanten zu machen und Grundsatzdebatten loszutreten. Ja, Deutschland ist auch nicht gerade für seinen Optimismus bekannt und auch nicht für die schnelle Umsetzung von Reformen. Aber Deutschland ist bekannt und respektiert für seine Fähigkeit zur Selbstreflexion. Was letzte Woche ans Licht gekommen ist, betrifft mehr als nur einen Mann, der wahrscheinlich das Gesetz gebrochen hat und der sich dafür vor Gericht wird verantworten müssen. Es betrifft auch mehr Menschen als die, die sich auf der DVD als mutmaßliche Steuersünder wiederfinden, sondern es zeigt sehr deutlich, wie wenig Ethik und Anstand heutzutage noch gelten.

Worum es geht, lässt sich am besten durch ein Zitat aus unser aller Grundgesetz verdeutlichen:

Artikel 14
(1) Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt.
(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.

Unsere Gesellschaft ist darauf aufgebaut, dass jeder seinen Möglichkeiten entsprechend dazu beiträgt, einen funktionierenden Staat sicherzustellen. Daher zahlen die, die mehr haben auch mehr Steuern und unterstützen dadurch die, die wenig besitzen. Das nennt sich Sozialverträglichkeit oder Solidarität. Ich bin nun sicher kein Verfechter sozialistischer Strukturen und ich bin durchaus der Meinung, dass diejenigen, die viel Leisten auch viel besitzen dürfen, aber das entbindet sie nicht von ihrer Pflicht der Gesellschaft gegenüber.

Wirtschaft und Staat haben es momentan ohnehin schwer, bei den Bürgern Vertrauen zu finden. Zu oft werden vollmundige Versprechen nicht eingehalten und Vertrauen im Namen der "Wirtschaftlichkeit" missbraucht. Klar, im aktuellen Fall geht es nicht um Unternehmen, sondern um Privatpersonen, aber diese sind in den Köpfen sehr eng mit der Wirtschaft verbunden. Da der Staat immer öfter in erster Linie als Erfüllungsgehilfe der Wirtschaft wahrgenommen wird, müssen beide aufpassen, nicht alles Vertrauen der Bürger zu verspielen.

Und ich denke, bei solch fundamentalen Themen ist eine Grundsatzdebatte durchaus angebracht.