Kategorie: Denken

31

Jul

Wissenschaftliches Geschnetzeltes?

Niemand kann heute auch nur annähernd in allen Wissensbereichen auf dem Laufenden sein. Nicht nur die gesellschaftlichen Funktionssysteme, sondern auch die verschiedenen Teilbereiche haben sich mittlerweile so weit ausdifferenziert, dass wahre Meisterschaft nur noch in einem Bereich erreichbar ist. Und so sieht auch die deutsche Wissenschaft momentan aus: Unter einem Mantel aus “etablierten Disziplinen” wie Mathematik, Philosophie, Geschichte, Anglistik oder Soziologie haben sich mittlerweile tausende spezialisierte Teilbereiche entwickelt, die sich mit einem ganz engen Wissensbereich befassen. Sei es die Systemtransformation und Rechtsangleichung im zusammenwachsenden Europa, Wechselwirkung von Struktur und Fluid oder  Wege der Repräsentationen, Transformationen und Transfers. Europa vom Mittelalter zur Moderne, Forschungsgebiete sind mittlerweile so spezifisch, dass der aktuelle Stand der Forschung nur von wenigen Wissenschaftlern überblickt werden kann. Auch wenn diese Spezialisierung im Bereich der Wissenschaft unumgänglich scheint, so stellt sie die Produktion von relevantem Wissen doch vor ein großes Problem, denn: Science is divided into disciplines, life is not (Czarniawksa 2001: 259).

Dabei ist das Problem weniger, dass der Organisationssoziologe nicht weiß, was der Sportsoziologe tut, sondern dass er wenig auf die Organisationspsychologen und die Kommunikationswissenschaftler hört, dass alte, mittlerweile überholte, Fachgrenzen zwischen Soziologie, Psychologie und Germanistik bestehen bleiben. Sie sind allerdings nur noch durch die Historie, die Methodik und den inhaltlichen Schwerpunkt zu rechtfertigen, und nicht mehr durch das untersuchte Objekt.

Es muss also darum gehen, die bestehenden disziplinären Grenzen aufzulösen und die Differenzierung nicht mehr an historisch institutionalisierten Grenzen zu vollziehen, sondern anhand der untersuchten Objekte. Ein Beispiel hierfür sind die Kommunikationswissenschaft, die sich langsam aus dem Bereich der Literaturwissenschaften hinaus bewegt und auch psychologische oder soziologische Anstöße aufnimmt, oder die Europaforschung in der sich Jura, Wirtschafts-, Sozial- und Kulturwissenschaften zusammenfinden. Leider gibt es nur weniger solcher Beispiele, denn die disziplinären Grenzen bleiben manifest und Schnittstellendenker haben es schwer, im Wissenschaftsbetrieb Fuß zu fassen. Oder, wie Richard Münch es in einem aktuellen FAZ-Artikel formuliert:

Die wesentliche strukturelle Ursache dafür besteht darin, dass die deutsche Universität wie ein Bollwerk den Kern ihrer Disziplinen bewahrt hat, spiegelbildlich dazu aber die soziale und kognitive Öffnung bis heute nur als einen Widerspruch zu ihrer Tradition erlebt, den sie nicht aufzuheben vermag.

Es bleibt zu hoffen, dass sich der Öffnungsprozess zumindest langsam fortsetzt, denn der deutschen Forschung wären andernfalls in den nächsten Jahren und Jahrzehnten enge Grenzen gesteckt.

Quellen:
Czarniawska, B. (2001):  Is it Possible to be a Constructionist Consultant? In: Management Learning 32, S. 253-266.


17

Jun

Glück ist ein komisch Ding

Dass Glück subjektiv ist und eng mit der eigenen Einstellung zusammenhängt, ist mittlerweile fast schon ein Allgemeinplatz. Glück ist aber noch viel subjektiver als wir allgemein annehmen. Menschen sind jedoch nicht gut darin, abzuschätzen, was sie glücklich macht und was nicht. So zeigt Dan Gilbert in seinem äußerst sehenswerten Vortrag bei der TED-Konferenz, dass sich Menschen oftmals gerade für die Variante entscheiden, die sie im Nachhinein unglücklicher macht:

Er präsentiert dazu ein Experiment, bei dem in einem ersten Schritt aufgezeigt wird, dass es sich negativ auf das subjektive Glücksempfinden auswirkt, eine schwere Entscheidung rückgängig machen zu können. Im zweiten Schritt wird dann aber gezeigt, dass sich die Mehrheit der Probanden dazu entschließt, sich diese Möglichkeit offen zu halten.

Diese Beobachtung lässt sich einfach durch die Fähigkeit des Menschen zur Dissonanzreduktion erklären: Wenn wir eine Entscheidung endgültig getroffen haben, neigen wir im Nachhinein dazu, diese “schönzureden” und Argumente dagegen schwächer zu bewerten, anstatt zu versuchen, die Entscheidung “nachträglich” zu optimieren. Auch hier präsentiert Gilbert äußerst spannende Experimente, die nahelegen, dass die kein bewusster Prozess ist, sondern vielmehr ein unterbewusster Automatismus. Daran schließt sich die Frage an, warum diese Art des “sythetischen Glücks” eigentlich im allgemeinen niedriger bewertet wird, als das “natürliche Glück”, wenn man bekommt, was man sich wünscht.

Die kognitiven Dissonanzen werden auch dann erhöht, wenn uns eine große Auswahl an Optionen zur Verfügung steht (siehe auch Wollen wir wirklich die Wahl haben?). Denn nur dann bekommen wir das Gefühl, durch unsere Entscheidung tatsächlich etwas ändern zu können und versuchen, sie zu “optimieren”. Allerdings überschätzen Menschen den langfristigen Einfluss bestimmter Ereignisse auf ihr Glücksempfinden massiv und sind so nicht in der Lage, tatsächlich optimale Entscheidungen zu treffen.

Was lernen wir daraus? Auch wenn alle Menschen nach Glück streben, sind wir  doch meistens selbst das größte Hindernis auf diesem Weg. Dabei geht es nicht in erster Linie um Disziplin, soziale Kompentenz oder Karriere, sondern einfach um die Einstellung zum Leben: Glücklich wird man dann, wenn man aufhört es zu suchen.


13

Mai

"Eigene Meinung" - Was ist das?

Gestern Abend im Bus. Ein Mädchen, nennen wir sie Anna, vielleicht 14 Jahre alt, erzählt ihren Freundinnen:

Boah, die Maja (Name geändert) hat echt keine eigene Meinung. Da war die letztens bei mir und ich hab ihr erzählt, dass ich letztens ne Shisha geraucht hab. Und da meint die: “Das würd ich ja nie machen. Viel zu ungesund.” Später hab ich ihr meine neuen Schuhe gezeigt, knallrote mit echt hohen Absätzen, und dann sagt die: “Mensch sind die hässlich, damit würd ich nicht rausgehen”.

Danach habe ich mich gefragt, was für Anna “eine eigene Meinung zu haben” bedeutet, denn für mich hat Maja eine deutliche eigene Meinung bewiesen, indem sie in der Situation eben nicht das sozial erwünschte “cool” oder “das will ich auch mal” geäußert hat, sondern tatsächlich eine abweichende Meinung.

Eine mögliche Erklärung wäre sehr simpel: Damit Anna sich nicht mit der abweichenden Meinung von Maja auseinandersetzen muss und weil sie vielleicht damit einen wunden Punkt bei Anna getroffen hat, würdigt Anna Maja einfach pauschal ab. Klassischer Fall von Dissonanzreduktion: Eine, den eigenen Überzeugungen widersprechende, Argumentation wird verdrängt, um die eigene Meinung zu sichern.

Etwas komplexer wäre eine andere Erklärung, die mir aber plausibler erscheint: Anna stört an der Meinung Majas, dass diese eine Meinung äußert, die der von Annas Eltern entsprechen könnte. Anna nimmt implizit an, Majas Eltern hätten dieselbe Meinung, Maja habe diese einfach übernommen und gebe sie nun unreflektiert wieder. Demnach ginge es Anne garnicht darum, dass Maja eine wirkliche “eigene Meinung” entwickeln solle, sondern darum, dass Maja sich nicht ausreichend von “den Eltern” oder “den Erwachsenen” abgrenzt. Denken und Reflexion sind dabei unerwünscht, die Meinung muss nur abweichend sein, um als “eigene” zu gelten.


21

Mär

Bücherwerfen

Von Marc trudelte hier vor ein paar Tagen ein Stöckchen ein, dass ich doch gerne aufgreifen und weiter werfen möchte:

pick sentence 6-8 on page 123 of the nearest book, write them down and pass the game on to 5 other bloggers´.

Auch wenn ich Marc enttäuschen muss und weder ein sozial-, noch ein wirtschaftswissenschaftliches Stückchen beitragen kann, ist das Buch nicht weniger interessant: “Der entzauberte Regenbogen. Wissenschaft, Aberglaube und die Kraft der Phantasie.” von Richard Dawkins. Seite 123, Satz 6-8 lauten:

Eine andere Bekannte aus der Schweiz konnte ihren eigenen Angaben zufolge beim betreten eines Zimmers sofort am Geruch erkennen, welche Person aus ihrem Bekanntenkreis den Raum vor kurzem verlassen hatte. Das lag nicht daran, dass ihre Kollegen sich nicht gewaschen hätten, sondern sie hatte nur eine ungewöhnlich empfindliche Nase. Dass so etwas im Prinzip möglich ist, wird auch dadurch bestätigt, dass Polizeihunde zwei beliebige Menschen allein am Geruch unterscheiden können, es sei denn, es handelt sich - wieder einmal - um eineiige Zwillinge.

Gut, abgesehen davon, dass wir nun etwas über die Fähigkeiten von Polizeihunden und einer Bekannten von Dawkins gelernt haben, wissen wir jetzt auch, dass eineiige Zwillinge über exakt denselben Körpergeruch verfügen. Die Schlussfolgerung, dass Körpergeruch genetisch bedingt ist, eröffnet duschfaulen Menschen ganz neue Ausreden: “Ich kann da nichts für, das sind die Gene!” Oder für Kinder gegenüber ihren Eltern: “Ich kann nix dafür, dass ich stinke. Das seid ihr schuld!”

Ich werfe die Bücher weiter an:

und zwei weitere Blogger, die hier noch mitlesen, die ich aber (noch) nicht kenne. Greift zu!


6

Feb

Neugier

Nach der Schule und dem Studium denkt man leicht, man wisse nun alles, was man für ein erfolgreiches und erfülltes Leben wissen müsse. Aber ist dem tatsächlich so? Lernt man beispielsweise im Studium den Umgang mit Menschen? Lernt man, wie man sich eine neue Technologie zunutze macht, oder auch nur, wie man aus der überbordenden Produktvielfalt heutzutage das für sich richtige Produkt aussucht?

Meiner Ansicht nach nicht. Die wirklich wichtigen und praktischen Dinge lernt man so nebenbei. Nicht in Vorlesungen, nicht aus Büchern, sondern aus dem Leben und direkt von anderen Menschen. Damit man immer weiter lernen kann, gibt es jedoch eine wichtige Voraussetzung: Neugier.

Neugier ermöglicht es uns, uns immer wieder in neue Themen einzufinden, die Welt zu entdecken und ihre Wunder zu entschlüsseln. Neugier lässt uns neue Menschen kennenlernen und neue Perspektiven erkennen. Sie lässt jeden Tag neu und jeden Abend spannend werden.

Von Seth Godin gibt es jetzt ein schönes Video, in dem er erläutert, wie wichtig Neugier heutzutage ist: Curious


3

Feb

Leben und Sinn

Die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Bedeutung, die man ihm zumisst, ist sicherlich eine der wichtigsten Fragen, die jeder für sich beantworten muss und zu der es eine Unzahl an Ratgebern, Weisheiten und philosophischen Abhandlungen gibt. Ben Dunlap liefert in seinem TED-Vortrag einen Beitrag zu dieser Diskussion und zeigt auf eine wunderbar angenehme Weise, wie erfüllte und leidenschaftliche Lebenswege aussehen können:


9

Nov

Der freie Markt als Weltenretter? II

Mal wieder ein TED-Vortrag und mal wieder geht es um einen Weg, wie durch den Einsatz angepasster marktwirtschaftlicher Mechanismen Aufschwung erzeugt oder gefördert werden kann. Dieses Mal geht es um “geduldiges Kapital”, also echtes Investionskapital von rendite-interessierten Anlegern, das jedoch nicht kurzfristig, sondern langfristig verwaltet und für den Aufbau innovativer afrikanischer Firmen verwendet wird.

Im Gegensatz zu den bekannten Mikrokrediten (siehe auch Mikrokredite statt Entwicklungshilfe) geht es hier nicht darum, einzelnen Personen den Aufbau eines eigenen kleinen Unternehmens zu ermöglichen, das dann der Familie das Einkommen sichert, sondern um die Schaffung mittelständischer Unternehmen, die in spezialisierten Märkten eine führende Rolle übernehmen können.

Mal wieder ein spannendes Konzept, dem ich viele Nachahmer wünsche:

(Quelle)


8

Nov

Sprachen lernen leicht gemacht?

Jeder erinnert sich noch an seine Schulzeit: Vokabeln, Fälle, Verbformen, Vokabeln, unregelmäßige Verben, Artikel, Satzstellung, noch mehr Vokabeln… Sprachen lernen war kein Spaß, sondern harte Arbeit, Wissen, das mit Gewalt in den Kopf gepresst wurde, nur um diesen möglichst bald wieder zu verlassen. Dass Sprachen lernen auch Spaß machen kann, merken Viele garnicht und manche erst, wenn sie das erste Mal für eine längere Zeit im Ausland sind.

Tim Ferriss stellt in seinem Blog eine Methode vor, wie man eine Sprache innerhalb kurzer Zeit relativ gut beherrschen kann: How to Learn (But Not Master) Any Language in 1 Hour. Im Mittelpunkt stehen dabei einige wenige einfache Sätze, deren Übersetzung in die gewünschte Sprache bereits auf die grundlegenden Strukturen der Sprache hinweisen und Besonderheiten und Stolpersteine aufzeigen. Dann muss dieses Gerüst “nur” noch mit Vokabeln gefüllt werden, und los geht’s.

Sicherlich kein Ersatz für Kurse und harte Arbeit, aber den Einstieg in eine Sprache kann einem diese Vorgehensweise sicherlich erleichtern.