Die aktuelle Immobilienkrise in den USA jagt vielen Bankern und Finanzfachleuten einen Schauer über den Rücken, so unüberschaubar sind die möglichen Konsequenzen für die Weltwirtschaft und so überraschend kam die aktuelle Krise. Doch ist sie wirklich überraschend? Ich kann mich noch gut an meine Vorlesung "Makroökonomik I" im Wintersemester 2002/03 erinnern in der Professor Heer bereits meinte, dass die USA auf einer Immobilienblase säßen, die über kurz oder lang platzen müsse. Es bleibe nur zu hoffen, dass sich eine andere Blase fände, die den Wertverlust der Immobilien auffangen könnte.
Aber was da eigentlich momentan auf den Finanz- und Immobilienmärkten passiert, ist für den Laien und auch für den interessierten, nur schwer nachzuvollziehen. Eine anschauliche Darstellung, wie aus zahlreichen unsicheren Hypotheken und Krediten ein scheinbar sicheres Wertpapier werden kann, findet sich bei Condé Nast Portfolio.com.
(Via Montclair SocioBlog)
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Seit ihrem Rauswurf aus der Sendung Johannes B. Kerner steht Eva Herman erneut im Mittelpunkt des Medieninteresses. Warum sie dort steht ist leicht zu erkennen: Sie soll auf einer Pressekonferenz zum Erscheinen ihres neuen Buches die Familienpolitik des dritten Reiches gelobt haben. Das ist in Deutschland so ziemlich der sicherste Weg, öffentliche Empörung auszulösen - und das vollkommen zu Recht. Schaut man sich das, was Herman tatsächlich gesagt hat jedoch genauer an, erkennt man, in meinen Augen, dass sie das in keinerlei Hinsicht getan hat.
Im Folgenden werde ich die Diskussion in der Sendung von Johannes B. Kerner von gestern Abend (Zeitangaben beziehen sich auf das Video in der ZDF-Mediathek) mal genauer unter die Lupe nehmen:
Der erste wichtige Punkt zur Rekonstruktion von Hermans Meinung ist die Aufzeichnung des umstrittenen Zitats in einem etwas größeren Abschnitt (3:16):
Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde.
In meinen Augen macht dieser Satz Hermans Argumentation klar (die sie auch später - 13:12 - noch einmal ausdrücklich macht): Zu Beginn des 20. Jahrhunderts (vor (!) dem dritten Reich) wurden Mütter als Mütter geschätzt, die eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllen. Dann wurde dieser Wert, der bei den Menschen verbreitet war, ausgenutzt und pervertiert. Auf diese Weise wurde der, nach Hermans Meinung, “gute” Wert, Mütter zu schätzen, angreifbar gemacht und schließlich durch die 68er abgeschafft. (Wie gesagt, das ist eine Rekonstruktion von Hermans Argument, nicht zwangsläufig meine eigene Meinung!)
Die einzige Wertung, die in diesem Argument steckt ist, dass es schade sei, dass der Wert, Mütter als Mütter zu schätzen, abhanden gekommen ist. Alles andere ist der Versuch, eine Kausalkette aufzustellen, warum dieser Wert verschwunden ist: Die Nazis haben ihn pervertiert, dadurch delegitimiert und die 68er ihn dann endgültig abgeschafft.
Dieses Argument ist auf vielen Ebenen angreifbar: Gab es den Wert am Anfang des 20. Jhdt. wirklich? Waren es wirklich die 68er, die ihn “abgeschafft” haben? Ist Hermans Frauenbild wirklich zeitgemäß? etc. Den Vorwurf der Verherlichung der Nazi-Zeit kann ich daraus aber nicht ableiten.
Soviel zu Hermans Argumentation, jetzt ein paar Worte zur Medien-Dynamik:
Der Ausschnitt der Pressekonferenz geht nach dem oben genannten Zitat noch mit einem ziemlich krausen Satzungetüm weiter (3:40). Ich habe den Eindruck, dass Herman germerkt hat, dass sie sich nach dem oben zitierten Satz unbedingt von dem Nazi-Regime distanzieren müsse (laut Herman war der ganze Abschnitt eine freie Antwort auf eine Frage), um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, diese Zeit zu verherrlichen. Dieser Distanzierungssatz ist es nun aber, der ihr zum Verhängnis wird, da er so unübersichtlich ist, dass er nahezu beliebig interpretierbar wird.
Im Anschluss an den Ausschnitt der Pressekonferenz versucht der Historiker Wolfgang Wippermann, ihr eine Brücke zu bauen, indem er rekonstruiert, Herman wolle das konservative Familienbild verteidigen, verwechsele es aber mit der nationalsozialistischen Ideologie (6:14).
Wie ich oben schon dargelegt habe, macht Herman aber genau diese Unterscheidung bereits. Sie unterscheidet zwischen dem Wert und seiner Pervertierung durch das dritte Reich. Sie hat, meiner Ansicht nach, in diesem Moment zwei Möglichkeiten:
- Sie kann den Öffentlichkeitsprofi mimen und die Pille schlucken, missverstanden worden zu sein. Dann denen, die sie missverstanden haben, Recht geben und sich somit durch “Aufgabe” aus dem Kampf zurückziehen.
- Sie entschließt sich aber dazu, den Anderen das Missverständnis aufzeigen zu wollen und verstrickt sich dabei in eine Diskussion, in der sie, in meinen Augen, keine Chance hat: Die Medienöffentlichkeit ist zwar ein Platz für gesellschaftliche Diskussion, jedoch keineswegs der Ort eines Habermas’schen gesellschaftlichen Diskurses. Hier zählt nur in den seltensten Fällen das bessere Argument, sondern hier zählen Eingängigkeit, Verständlichkeit und Schlagwörter und da hat Herman bei diesem Thema keine Chance.
Kerner hätte an dieser Stelle für eine Sternstunde der deutschen öffentlichen Diskussionskultur sorgen können, wenn er die Diskussion auf die Meta-Ebene gehoben hätte und Schritt für Schritt versucht hätte, Hermans Argument zu rekonstruieren. Er folgt jedoch leider dem normalen Verfahren in Talkshows und geht nicht auf das ein, was Herman sagt, sondern zieht absurde Beispiele heran, um zu zeigen, wie nahe Hermans Äußerungen an denen der Nazis liegen (vgl. Andreas Zielcke in der Süddeutschen Zeitung). Als Herman dann feststellt, dass jemand, der den Begriff “gleichgeschaltet” als Ausdruck rechten Denkens sieht, dasselbe auch von allen Autobahn-Benuzern behaupten könne (zum Hintergrund: hr-online), hat sie die Sympatien aller Anwesenden endgültig verspielt. Nicht weil sie Unrecht hätte, sondern weil dieses Argument viel zu kompliziert und und unangenehm ist, als dass es in den Massenmedien vermittelt werden könnte.
Fazit: Dass Eva Hermans Argumentation, der Wert der Mutterschaft sei durch die Nazis pervertiert und entwertet worden, durchaus plausibel klingt und als zeitgeschichtliche Hypothese ernst genommen werden sollte, ist vollkommen egal für die Wahrnehmung dieses Arguments in der Öffentlichkeit. Durch einige ungeschickte Formulierungen und ihren unbedingten Willen, richtig verstanden zu werden, hat sich Eva Herman in eine Position manövriert, in der die Öffentlichkeit ihr nicht mehr zuhört, solange sie nicht bereit ist, in Sack und Asche zu gehen. Schade.
Weitere Kommentare zum Thema:
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Kommt es mir nur so vor, oder ist es irgendwie widersinnig, dass SWR 3 Tickets für das Live Earth Konzert in London verlost und dann die Gewinner für einen Tag mit dem Flugzeug nach England fliegt und dadurch “dem Klima schadet”?
Nachtrag (05.07.2007): Ich muss mich korrigieren. Die Gewinner fahren mit dem Zug…
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Nach 2005 sind die Brose Baskets Bamberg vor fünf Minuten zum zweiten Mal deutscher Basketballmeister geworden!!!
Die nächsten Tage wird Freak City seinem Namen wieder alle Ehre machen!
Herzlichen Glückwunsch!
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Spiegel Online berichtet von einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC, nach der ein großer Teil der deutschen Jungmanager eine Karriere im Ausland plant. Auch habe bei denen, die in Deutschland bleiben möchten, die Karriere ganz eindeutig Priorität. Das zeigt sich besonders daran, dass ehrenamtliches Engagement zurück geht und sich junge “High Potentials” kaum noch für das Einsetzen, was außerhalb ihres Berufes vorgeht.
Diese Tendenz habe ich als Vorstandsmitglied einer Hochschulgruppe an einer wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät in den letzten Jahren leider auch an der Uni beobachten können. Es wird immer schwieriger, Studenten dazu zu motiveren, sich außerhalb der Lehrveranstaltungen zu engagieren. Dabei werden gerade die zentralen Skills, die einem in Vorlesungen nicht vermittelt werden und die ein Engagement massiv fördern kann, heutzutage am Arbeitsmarkt äußerst stark nachgefragt: Teamfähigkeit, Führungserfahrung, Projektmanagement, Organisationstalent…
In meinen Augen ist diese Tendenz auf den zunehmenden Druck und die höhere Unsicherheit zurückzuführen, denen Studenten heutzutage ausgesetzt sind. Überall wird kommuniziert: Nur Spitzennoten, ein schnelles Studium, Auslandserfahrung und Praktika ermöglichen nach dem Abschluss den Einstieg in einen attraktiven Job. Gerade ehrenamtliches Engagement bleibt hier leider außen vor. Der Konkurrenzkampf ist verdammt hart und Noten und Praktika sind etwas Greifbares, etwas das man messen und aufzählen kann. Engagement fördert auf sehr subtile Weise die Persönlichkeitsentwicklung und “Soft Skills”. Mit denen kann man sich nicht im Lebenslauf brüsten, denken Viele.
Verstärkt wird diese Tendenz aktuell durch die Bachelor-/Master-Studiengänge. Hier wird noch mehr Druck auf die Studenten ausgeübt, werden mehr Prüfungen in ein Semester gequetscht und starre Zugangsgrenzen zu den Masterprogrammen gesetzt. Auf diese Weise werden die Scheuklappen immer enger gezogen. Es ist den meisten Studenten vor lauter Anforderungen kaum noch möglich, sich neben dem Studium zu engagieren, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln und über den Tellerrand hinauszuschauen.
Die Fehlwahrnehmung der Kriterien der Unternehmen und der immer stärkere Druck werden letztendlich dazu führen, dass die zukünftigen Manager in Deutschland zwar sehr viel theoretisches Wissen über Controlling, Finanzierung und Markting anhäufen, aber kaum noch in der Lage sind, dieses Wissen adäquat anzuwenden. An dieser Stelle geht, in meinen Augen, enormes Potenzial verloren und das auf einem Gebiet, auf dem in Deutschland ohnehin schon Nachholbedarf besteht.
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Die bayerische Staatsregierung hat heute einen gigantischen Schritt gemacht, um die Kinder im Freistaat vor Übergewicht zu bewahren und für eine gesündere Ernährung zu sorgen. Dazu wurde von den Staatsministern Schappauf (Umwelt, Gesundheit, Verbraucherschutz) und Schneider (Unterricht und Kultus) ein sensationelles Konzept vorgestellt: Das Konzept für ein gesundes Pausenbrot. So wird es zumindest im Radio genannt.
Ich kenne das Konzept nicht und kann nicht beurteilen, ob es inhaltlich sinnvoll und umsetzbar ist, aber diesen Namen finde ich einfach bescheuert. Was für Assoziationen weckt das denn bitte? Dass die Regierung jetzt sogar gesunde Pausenbrote regulieren will? Dass die Regierung des Landes, dass sich sein “führendes” Bildungssystem auf die Fahnen schreibt, es ihren Wählern nicht zutraut, selber zu wissen, was auf ein gesundes Pausenbrot gehört? (Auch wenn sie zumindest damit leider wahrscheinlich nicht einmal falsch liegt)
Vielleicht sollte auch bei der Betitelung von Konzepten oder Regelungen mal jemand beteiligt werden, der sich halbwegs mit der öffentlichen Wirkung von Sprache auskennt…
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Das nenn ich gelungen! Die in den letzten Tagen viel diskutierte und äußerst umstrittene Organspende-Show hat sich in der letzten Minute als Fake entpuppt. Die angebliche Spenderin ist eine Schauspielerin und die kranken Teilnehmer sind zwar wirklich krank, waren aber von Anfang an darüber informiert, dass es nicht wirklich um eine Niere geht. Der Sinn des Ganzen? Aufmerksamkeit wecken und die Menschen auf die prekäre Situation in Sachen Organspende hinweisen. (Mehr dazu)
Und dieses Ziel haben die Macher der Sendung mit Bravour erreicht. Gleichzeitig haben sie der heutigen Mediengesellschaft wunderbar einen Spiegel vorgehalten: In die Medien kommt heute das Kurzfristige, das Neue, das Empörende und nicht die wirklichen Probleme und die altbekannten Tatsachen. Medien greifen Stimmungen und Trends auf und nicht echte Probleme.
Aber jetzt eine große Bitte an alle sozialen Initiativen und Medienmacher: Das funktioniert nur einmal! Wenn sich solche Tricks häufen, wird am Ende niemand mehr wissen, was echt und was gestellt ist.
Das ist auch das große Problem dieser Aktion: Sie hat eine Grenze verschoben. Nach diesem Beispiel werden vielleicht auch andere Sender auf die Idee kommen, Aufmerksamkeit zu erzeugen, indem sie bewusst Emörung erzeugen. BNN mag dies zu einem sehr guten Zweck genutzt haben, aber dass solche Manipulationen auch für weniger noble Dinge genutzt werden können sollte allen Medienkonsumenten klar sein. In Zukunft heißt es also noch genauer darauf zu schauen, was in den Medien real und was Fiktion ist, was tatsächlich Empörung verdient und was nicht. Die Öffentlichkeit, die sich gerne als Rezipient der Medien versteht und die Medien in ihren Diensten sieht, wird sich nun noch stärker fragen, wer hier eigentlich wen kontrolliert.
Übrig bleibt ein Musterstück in Sachen Massenmarketing mit einem (zu?) hohen Preis.
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Ist es paradox, wenn ein russisches Unternehmen der deutschen Regierung Planwirtschaft vorwirft und Angst vor Enteignungen in Deutschland hat?
(Quelle)
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Schon vor einiger Zeit machte der Gründer der Drogeriekette dm Götz Werner mit seiner Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens für alle Bürger von sich reden. Spätestens seit der thüringische Ministerpräsident Althaus dieses vor einiger Zeit aufgriff, sind Überlegungen dazu auch in der Politik nicht mehr vollkommen abwegig. Eine Umsetzung steht aber natürlich noch in keinster Weise vor der Tür.
In der Zeit verfasst Norbert Blüm nun einen Artikel über das Thema. Dabei offenbart er sehr deutlich, wie sich festgefahrene Meinungen und Überlegungen reproduzieren und es schwer fällt, außerhalb gewohnter Muster zu denken. Ich kann persönlich nicht sagen, ob ein Grundeinkommen wirklich die Patentlösung wäre, zu der seine Befürworter es machen, bin aber der Überzeugung, dass es keinesfalls schaden kann, sich diese Idee sehr genau anzuschauen. Hier einige Kommentare von mir zu Blüms Artikel:
In der Sozialversicherung gilt das Prinzip der Gegenseitigkeit, das in der Rentenversicherung noch durch den Grundsatz der Äquivalenz präzisiert wird: Leistung für Gegenleistung, Rente für adäquaten Beitrag. Wer länger und höhere Beiträge zahlt, erhält eine höhere Rente als der, welcher kürzer und niedrigere Beiträge gezahlt hat.
Was sagt uns Blüm hier? Mal abgesehen davon, dass das staatliche Rentensystem bei den Bürgern schon seit Blüms Versicherung “Die Renten sind sicher!” vor vielen Jahren keinerlei Vertrauen mehr genießt, offenbart er hier in meinen Augen ein seltsames Verständnis von “Solidarität”. Was hat “mehr Leistung für mehr Beiträge” mit Solidarität zu tun? In meinen Augen geht es hierbei um einen privaten Ansparvorgang, nicht mehr und nicht weniger. Nicht, dass ich es reicheren Menschen nicht zubilligen würde, sich durch ihren im Erwerbsleben gewonnenen Vermögen auch im Ruhestand einen höheren Lebensstandard zu sichern, aber das hat mit “Solidarität” nicht das Geringste zu tun.
Die Entkoppelung von Erwerbsarbeit und Sozialleistungen nimmt aus dem Sozialstaat den Anreiz zur Leistung. Das Bürgergeld unterminiert die Motivation zur Arbeit.
Hier zeigt sich besonders deutlich, wie implizite Annahmen das Denken prägen können. Hinter dieser Aussage Blüms steht der Glaube, es sei nur der Überlebensdruck, der die Menschen zur Arbeit motiviere. Nur wenn ich Angst habe, mir morgen kein Essen kaufen zu können, wäre ich bereit morgens um fünf Zeitungen auszutragen oder die Mülltonnen zu leeren.
An einer Stelle hat Blüm hier recht: Jobs, die kaum jemandem Spaß machen oder die mit unangenehmen Arbeitszeiten verbunden sind, werden erstmal unattraktiver. Aber wenn man diese Argumentation zu Ende führt, käme man zu folgendem Argument: Eine Wirtschaft braucht eine Gruppe von Bürgern, die um ihr Überleben kämpfen müssen und bereit sind, jeden Job zu machen, um ihr Überleben zu sichern. Sicherlich ist dies eine Möglichkeit, diese Aufgaben zu erledigen, aber ich weigere mich zu akzeptieren, dass es die einzige sein soll.
Allerdings gibt es auch heute schon deutlich Anzeichen dafür, dass die Überlebensmotivation keineswegs der einzige Antrieb ist, zu arbeiten. Wenn dem nämlich so wäre, würde jeder nur so viel arbeiten, wie es nötig wäre, um sein Überleben zu sichern. Wenn Freizeit und Nichts-Tun das erste Ziel aller Bürger wäre, würde auch unser heutiges System nicht funktionieren. Niemand würde freiwillig Überstunden leisten oder die Unwägbarkeiten eines Studiums auf sich nehmen, wenn sich auch mit einfachen Tätigkeiten das Überleben sichern lassen würde. Unter diesen Umständen wäre unserem Wirtschaftssystem und unserer Gesellschaft niemals dieser Fortschritt zuteil geworden, von dem heute im Großen und Ganzen alle profitieren (ich rede hier vom gesellschaftlichen Fortschritt in der Dimension von Jahrhunderten, nicht über aktuelle politische Reformen).
Man sollte die Eigenmotivation der Menschen nicht unterschätzen. Wenn Menschen den Wert von Dingen erkennen, sind sie auch bereit, sich für sie einzusetzen und sich dafür zu engagieren. Ein Grundeinkommen würde, in meinen Augen, allen Bürgern die Möglichkeit geben, am gesellschaftlichen Leben zu partizipieren. Es würde von den grundlegenden Überlebensfragen entlasten und allen die Chance geben, beispielsweise den Wert von Wissen oder sozialem Engagement zu erkennen. Wer tagein, tagaus damit beschäftigt ist, sich, im wahrsten Sinne des Wortes, seine Brötchen zu verdienen, hat nicht die Möglichkeit, sich noch sozial zu engagieren oder ein anspruchsvolles Buch zu lesen. Er ist also auch überhaupt nicht in der Lage, diese Werte an seine Kinder weiterzugeben. Die Beobachtungen zur Selektivität gerade des deutschen Bildungssystems sprechen hier Bände.
Der Staat bezahlt einen Mindestlohn. Das Bürgergeld ist ein Pendant zur Lohnsubvention. Die Arbeitgeber können leichten Herzens Hungerlöhne zahlen.
Hier übersieht Blüm ein zentrales Element der Mindestlohndebatte. Unternehmen sind dann eben NICHT mehr in der Lage, Mindestlöhne zu bezahlen, weil die Bürger nicht mehr auf diese angewiesen sind. Sie werden nur noch Arbeiten annehmen, bei denen Vorteile und Nachteile in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Unangenehme Jobs müssen dann entweder höher bezahlt werden, oder durch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen attraktiver gemacht werden. Sicherlich, einige Dinge würden dadurch auch für die Bürger deutlich teurer werden, aber der Lohn, der bezahlt würde läge weit näher an dem, was einem Gleichgewicht im freien Markt entspräche, da durch das Grundeinkommen die Asymmetrien zwischen Arbeitgebern und potentiellen -nehmern abgebaut würden.
Die Einrichtung des Bürgergeldes wird mit dem Vorteil angepriesen, dass der Staat viele Milliarden spart, weil es keine weiteren Sozialleistungen gibt. Da werden sich Deutschlands Großverdiener aber freuen. Die Ersparnis kann gar nicht von den »Besserverdienenden« kommen, denn sie erhielten ja keine Sozialleistungen. Wo nichts ist, kann auch nichts gespart werden. Die Ersparnis kommt also von denen, die bis dahin höhere Sozialleistungen erhielten als das Bürgergeld, das die Sozialleistungen ersetzt.
Es wundert mich doch sehr, wie Blüm zu einer solchen Aussage kommt. Sicherlich werden nicht die Sozialleistungen selber eingespart. Damit das System alleine den Status Quo beibehalten kann, muss mindestens so viel Geld umverteilt werden wie heute. Die Einsparungen fielen aber bei dem Abbau des unglaublichen bürokratischen Wasserkopfes an, der heutzutage einen großen Anteil der in den Sozialsystemen verwendeten Geldern auffrisst.
Die Privaten erben die Kundschaft der Sozialversicherung, jedenfalls die bessergestellte. Das wird ein Milliardengeschäft für »Allianz & Co«. Hinter dem ganzen Getöse um das Bürgergeld steckt ein handfester Lobbyismus.
Auch hier denke ich, dass Blüm die heutige Realität im Versicherungssystem verkennt. Natürlich, die Besserverdienenden finanzieren einen gewissen Teil der Sozialversicherung mit, aber gerade in den gigantischen Bereichen Renten. und Krankenversicherung gibt es schon seit langem ein Zweiklassen-Wesen. In beiden Feldern verlassen sich auch Besserverdienende zu großen Teil auf private Versicherungen: Die staatlichen Renten werden mittlerweile als so unzuverlässig betrachtet, dass jedem Berufsanfänger geraten wird, eine private Rentenversicherung abzuschließen, und die Leistungen in der privaten Krankenversicherung, die nur Gut-Verdienenden und Selbständigen offensteht, übersteigen die der gesetzlichen um ein Vielfaches. Und das durchaus auch auf Kosten der gesetzlichen Versicherung.
Das Bürgergeld weist in die entgegengesetzte Richtung. Seine Maxime ist: »Weg mit der Selbstverwaltung«. Dafür: »Mehr Staat« und »Mehr Privatversicherung«. Die Quintessenz dieser Entwicklung ist die Entleerung des gesellschaftlichen Raumes zwischen Staat und Individuum, in dem die Subsidiarität ihr Ordnungsfeld hat.
Hier spricht Blüm einen sehr spannenden Punkt an, den ich aber auch eindeutig anders einschätze als er. Wo sieht Blüm bitte im heutigen System die Selbstverwaltung? In einer gesetzlichen Krankenversicherung, der vom Gesetzgeber vorgeschrieben wird, welche Leistungen sie bezahlen darf und welche nicht? In politisch diktierten Leistungsänderungen, denen sich die Versicherungsnehmer nur unterordnen können? Das heutige System hat, in meinen Augen, nichts mit Selbstverwaltung zu tun, sondern ist Staat pur, außer für diejenigen, die es sich leisten können sich davon freizukaufen.
Interessant, dass Blüm in der Einführung eines Bürgergeldes ein gleichzeitiges mehr Staat und mehr Eigenverantwortung sieht. Für mich wäre die Einführung eines Grundeinkommens eindeutig ein Weg weg vom Staat. Auf den ersten Blick mag der Bürger zwar abhängiger von ihm werden, da er das Grundeinkommen auszahlt, aber er wird unabhängiger von poltischem Kompromissgezerre und vorhersehbarer Unberechenbarkeit. Er kann das Grundeinkommen seinen Überzeugungen zufolge einsetzen, es für die Versicherungen verwenden, die er für nötig erachtet und die Leistungen in Anspruch nehmen, die er benötigt. Also eine klare Zunahme der Eigenverantwortung.
Im Gegensatz zu einer simplen Abschaffung der Pflichtversicherung im heutigen System, die ich keinesfalls befürworten würde, fiele hier aber das Problem der Asymmetrien auf den Märkten, seien es Arbeits- oder Versicherungsmärkte, weg. Jeder hätte die grundlegende Ausstattung, auf diesen Märkten zu agieren. Niemand wäre von vornherein ausgeschlossen und es könnte auch niemand aus persönlichen wirtschaftlichen Gründen zur Annahme von unterbezahlten, unwürdigen Jobs gezwungen werden.
Zusammenfassend möchte ich festhalten, dass das bedingungslose Grundeinkommen ein äußerst spannendes Gedankenexperiment ist, dass uns viel über unser heutiges Wirtschafts- und Gesellschaftssystem verrät und auch zahlreiche Anregungen für wirklich grundlegende Verbesserungsmöglichkeiten bietet. Eine 1:1 Umsetzung halte ich heutzutage aber für unmöglich und auch nicht wünschenswert, da dazu Umwälzungen auf vielen verschiedenen Ebenen notwendig wären. Ich spreche mich jedoch stark dafür aus, die Idee weiter auszuarbeiten und auch schon einige kleine Schritte auf dem Weg zu seiner Umsetzung zu gehen. In meinen Augen wäre das ein echtes mehr Freiheit wagen.
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