9
Okt
DGS: The end of the world as we know it
Ein Höhepunkt des ersten echten Kongresstages gestern war sicherlich der Abendvortrag von Colin Crouch über das 21. Jahrhundert als Zeitalter der Unsicherheit. Im Lichte der aktuellen Ereignisse an den Finanzmärkten ging es dann aber in erster Linie um das Ende dessen, was Crouch den “privatisierten Keynesianismus” nennt. Er analysiert die wirtschaftliche Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg in zwei Epochen: Der Epoche des staatlichen Keynesianismus, in der die Nachfrage auf den Märkten durch eine Verschuldung des Staates aufrecht erhalten wird, und die Epoche des Neo-Liberalismus und des “privatisierten Keynesianismus”, in dem die Nachfrage durch die Verschuldung der privaten Haushalte finanziert wird. Dieses Modell ist seiner Ansicht nach nun an seinem Ende angekommen und es ist unklar, welches Paradigma in Zukunft das System des Massenkonsums aufrecht erhalten soll.
War seine Analyse bis zu diesem Punkt auf jeden Fall überzeugend, wurde es danach ein wenig schwerer verständlich: Er prognostiziert nämlich, dass in Zukunft eine stärkere Verknüpfung von Regierung und Wirtschaft erfolgen wird und das neo-liberale Modell getrennter wirtschaftlicher und politischer Sphären nicht länger aufrecht erhalten werden kann. In diesem neuen Modell sieht er große Unternehmen als wichtige Ratgeber der Politik und auch tatkräftige Mitgestalter. Der Verlust an demokratischer Legitimation wird dabei, in seinen Augen, aufgefangen von einer sozialen Verantwortung, die die Konzerne selber übernehmen, wie sie heute als “Corporate Responsibility” diskutiert wird.
Ich weiß nicht, wie ich seine Prognose bewerten soll, wenn sie denn tatsächlich so gemeint war, wie ich sie verstanden habe: Entweder sieht Crouch etwas auf uns zukommen, was für mich sehr nach einem Modell á la “Brave New World” klingt, in dem Menschen in erster Linie als Arbeitskraft gesehen werden und alle sozialen Einrichtungen nur am Erhalt dieser ausgerichtet sind, oder er schaut sehr idealistisch auf die Fähigkeit und den Willen der großen Konzerne, soziale Verantwortung abseits von Berichten oder prestigeträchtigen Leuchtturm-Projekte, soziale Verantwortung zu übernehmen.
Auf jeden Fall nehme ich aus diesem Vortrag mit, dass er ihn besser in seiner Muttersprache Englisch gehalten hätte - auch wenn sein Deutsch extrem gut ist - weil gerade bei komplexen Argumentationen viel von einer präzisen und klaren Ausdrucksweise abhängt.
argentum am 11. Oktober 2008, 22:20 Uhr
Yep, das fand ich auch. Und dass er auf alle Fragen sehr, sehr schwammig antwortete und dadurch sein Publikum etwas ratlos zurückließ.
Stefan Spiess am 12. Oktober 2008, 15:13 Uhr
Ich fand das ganze relativ plausibel. Ich hatte auch nicht den Eindruck, dass er da ein Patentrezept angeboten hätte, sondern vielmehr, dass er eine Feststellung machte.
Es stimmt zwar leider, dass er teilweise etwas schwammig antwortete, aber ich fand es gar nicht schlecht, wie er beispielsweise auf die Frage nach der Motivation von CSR antwortete, nämlich dahingehend, dass die teilweise durchaus “von innen” käme, und teilweise eben genau die Funktion eines Greenwash (http://de.wikipedia.org/wiki/Greenwash) oder Bluewash (http://en.wikipedia.org/wiki/Bluewash) haben dürfte.
Alles in allem aber eine gute Analyse, wenn auch vielleicht für viele zu “salopp”.
Würde gerne mal seine Frau fragen, ob es stimmt, dass er ihr gegenüber schon vor 2 Jahren diese Entwicklung vorausgesehen hat.
Weltenkreuzer am 12. Oktober 2008, 15:39 Uhr
Plausibel war es durchaus, aber ich fand doch, dass er diesen “neuen Korporatismus”, oder wie immer man das nennen will, doch ein wenig zu sehr als einzige mögliche Entwicklung dargestellt hat. Aussschließen will ich sie nicht, aber ich habe meine großen Zweifel, dass dieses System dann dreißig Jahr überleben würde…
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