9

Mär

Bildungsreform die 164.

Mal wieder machen Forderungen zur Reform des deutschen Bildungssystems die Runde. Ein Gremium von hochrangigen Professoren (darunter der Leiter der IGLU-Grundschulstudie Wilfried Bos und der Leiter des Centrum für Hochschulentwicklung Detlef Müller-Böling) hat auf Initiative der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft ein Gutachten verfasst, dass mit radikalen Forderungen Aufmerksamkeit erreicht:

  • Zusammenlegung von Haupt- und Realschule
  • Pflicht zur Fortbildung für Lehrer
  • Zeitliche Befristung von Lehrerverträgen
  • Private Trägerschaft der Schulen
  • Kindergartenpflicht ab einem Alter von vier Jahren

Meine Meinung zu diesen Forderungen ist gespalten:

Die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen ist in meinen Augen auf jeden Fall ein wichtiger Schritt, um die Selektivität des deutschen Bildungssystems zu verringern. Sie alleine greift allerdings zu kurz. Warum soll das Gymnasium als explizite Schulform erhalten bleiben? Das Hauptsrgument hier ist, dass gute Schüler unterfordert und schlechte Schüler überfordert sein würden. Woher kommt eigentlich diese Vermutung? Wirklich gute Schüler sind auch auf dem Gymnasium unter- und wirklich schlechte auch auf der Hauptschule überfordert. Aber ich wage zu bezweifeln, dass dies unbedingt an den Schülern liegen muss. Schulische Leistung ist dermaßen komplex, dass ich nicht glaube, dass irgendjemad vorhersagen kann, wie sich ein schlechter Hauptschüler entwickelt hätte, wenn er stattdessen auf eine Gesamtschule gegangen wäre. So würden auch Schüler aus “bildungsfernen” Familien durch ihre Schulfreunde und Klassenkameraden ein wenig näher an die Bildung heran geführt. Ansonsten bilden sich Cliquen von Hauptschülern, Cliquen von Realschülern und Cliquen von Gymnasiasten. Soziale Durchlässigkeit adé!

Wann begreifen Politiker und Bildungsforscher endlich, dass es in der Schule nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch um Persönlichkeitsentwicklung und soziale Positionierung geht? Dass Schule nicht nur Fakten- und Methodenwissen vermittelt, sondern dass sie auch, und in meinen Augen vor allem, die Schüler für das Leben nach der Schule prägt und deshalb soziale Kompetenz erzeugen muss?

Natürlich sollten Fortbildungen für Lehrer Pflicht sein. Jeder Arbeitnehmer wird von seinem Arbeitgeber hin und wieder dazu verpflichtet, sich neue Kenntnisse anzueignen damit er weiterhin effektiv und effizient arbeiten kann. Warum sollte das nicht auch für Lehrer gelten? Es gibt genug Bereiche der Pädagogik und Didaktik, in denen im Laufe der Zeit neue wissenschaftliche Erkenntnisse entwickelt werden, warum sollen diese erst durch die junge Generation in den Schuldienst eingebracht werden können? Zudem sind auch die Wissenschaftler auf das Feeback von erfahrenen Lehrern angewiesen.

Die zeitliche Befristung von Lehrerverträgen halte ich für unsinnig. Es sollte allerdings einfacher werden, unfähige Lehrer aus diesem Beruf zu entfernen.

Auch die private Trägerschaft würde dem deutschen Schulsystem auf lange Sicht nicht nutzen. Der Staat sollte den Schulen allerdings mehr Freiheiten in der Gestaltung geben. Denn nur so kann Innovation entstehen und dadurch die Ausbildung der Schüler besser werden. Gleichzeitig wäre es aber wichtig, die Machtposition des Schulleiters in dieser Hinsicht einzuschränken und einen Rat aus Lehrer-, Schüler- und Elternvertretern in die schulischen Entscheidungsprozesse stärker einzubeziehen.

Der Kindergartenpflicht stehe ich zwiegespalten gegenüber. Einerseits würde eine solche auch Kindern aus “bildungsfernen Schichten” die Chance geben, frühzeitig den Wert von Bildung zu erkennen und ihnen den Start in die Schule sehr stark vereinfachen. Andererseits sträube ich mich gegen eine Verpflichtung zu “Ringelpiez mit Anfassen” und gemeinschaftlichem “Blumen malen”. Meine Idee an dieser Stelle wäre, Kinder nicht erst mit sechs, sondern bereits mit fünf Jahren einzuschulen. Die Gestaltung der ersten Jahre Grundschule ist, in meiner Erinnerung, ohnehin nicht viel mehr als ein Kindergarten mit ein wenig Wissensvermittlung.

(Quellen: Spiegel Online, FAZ.net)


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