Archiv: Juni 2008

18

Jun

Dinge gut machen

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mir fällt immer mehr auf, dass es oft, vielleicht zu oft, darum geht, Dinge "irgendwie" zu tun. Sätze wie "Ich muss das noch irgendwie hinbekommen.", "Schaffen Sie das irgendwie bis morgen Abend?" oder "Ich schaff das schon irgendwie" gehören heutzutage zum Alltag. Aber sollte es nicht eigentlich viel mehr darum gehen, Dinge "gut" zu erledigen? Warum fehlt heute eigentlich die Zeit, Dinge wirklich gründlich und qualitativ hochwertig durchzuführen? Immer mehr engen knappe Fristen, Überlastung und schlechtes Zeitmanagement den Zeitplan ein, sodass am Ende zwar vieles "irgendwie" geschafft wird, aber nichts mehr wirklich "gut".

Ist das überhaupt ein Problem? Ich denke schon, denn gerade Kreativität braucht Zeit. Um neue Wege zu entdecken, neue Techniken zu entwickeln oder bestehende zu perfektionieren, braucht man Zeit und die Gelegenheit, auf den ersten Blick unproduktive Dinge zu tun. Ansonsten kann man sich nur auf Bekanntes verlassen, von dem man weiß, dass es einem hilft, Dinge "irgendwie" zu tun. Um Fortschritt zu erreichen, egal ob in der Gesellschaft oder für den Einzelnen, ist diese Kreativität unabdingbar. Wer sich nur auf Etabliertes verlassen kann, weil ihm keine Zeit bleibt, Dinge kreativ und gut zu erledigen, der kann sich nicht weiter entwickeln und verharrt am selben Ort.


17

Jun

Glück ist ein komisch Ding

Dass Glück subjektiv ist und eng mit der eigenen Einstellung zusammenhängt, ist mittlerweile fast schon ein Allgemeinplatz. Glück ist aber noch viel subjektiver als wir allgemein annehmen. Menschen sind jedoch nicht gut darin, abzuschätzen, was sie glücklich macht und was nicht. So zeigt Dan Gilbert in seinem äußerst sehenswerten Vortrag bei der TED-Konferenz, dass sich Menschen oftmals gerade für die Variante entscheiden, die sie im Nachhinein unglücklicher macht:

Er präsentiert dazu ein Experiment, bei dem in einem ersten Schritt aufgezeigt wird, dass es sich negativ auf das subjektive Glücksempfinden auswirkt, eine schwere Entscheidung rückgängig machen zu können. Im zweiten Schritt wird dann aber gezeigt, dass sich die Mehrheit der Probanden dazu entschließt, sich diese Möglichkeit offen zu halten.

Diese Beobachtung lässt sich einfach durch die Fähigkeit des Menschen zur Dissonanzreduktion erklären: Wenn wir eine Entscheidung endgültig getroffen haben, neigen wir im Nachhinein dazu, diese “schönzureden” und Argumente dagegen schwächer zu bewerten, anstatt zu versuchen, die Entscheidung “nachträglich” zu optimieren. Auch hier präsentiert Gilbert äußerst spannende Experimente, die nahelegen, dass die kein bewusster Prozess ist, sondern vielmehr ein unterbewusster Automatismus. Daran schließt sich die Frage an, warum diese Art des “sythetischen Glücks” eigentlich im allgemeinen niedriger bewertet wird, als das “natürliche Glück”, wenn man bekommt, was man sich wünscht.

Die kognitiven Dissonanzen werden auch dann erhöht, wenn uns eine große Auswahl an Optionen zur Verfügung steht (siehe auch Wollen wir wirklich die Wahl haben?). Denn nur dann bekommen wir das Gefühl, durch unsere Entscheidung tatsächlich etwas ändern zu können und versuchen, sie zu “optimieren”. Allerdings überschätzen Menschen den langfristigen Einfluss bestimmter Ereignisse auf ihr Glücksempfinden massiv und sind so nicht in der Lage, tatsächlich optimale Entscheidungen zu treffen.

Was lernen wir daraus? Auch wenn alle Menschen nach Glück streben, sind wir  doch meistens selbst das größte Hindernis auf diesem Weg. Dabei geht es nicht in erster Linie um Disziplin, soziale Kompentenz oder Karriere, sondern einfach um die Einstellung zum Leben: Glücklich wird man dann, wenn man aufhört es zu suchen.


15

Jun

High-Speed-Wikipedia

Das wirklich super-spannende Spiel Tschechien - Türkei ist keine 15 Minuten vorbei und schon findet sich der tragische Fehler von Petr Čech in seinem Wikipedia-Artikel.


14

Jun

Lissabon, Irland und die Demokratie

Nun ist es also passiert. Im einzigen Land, in dem der mühsam ausgehandelte EU-Reformvertrag durch eine Volksabstimmung bestätigt werden muss, haben sich die Bürger für ein "Nein" entschieden. Wie schon der Vertrag von Nizza 2001 und der "Verfassungsvertrag" 2005, ist nun auch der Lissabon-Vertrag am Veto der Bürger eines Landes (vorerst) gescheitert. Das Ergebnis der Abstimmung in Irland ist einerseits ein herber Rückschlag für die weitere Integration der EU, da sie mit 27 Mitgliedstaaten in ihrer bisherigen Form kaum langfristig handlungsfähig bleiben wird, und andererseits ein deutliches Indiz für eines der zentralen Probleme der EU: Die fehlende Verankerung und Legitimation durch die Bevölkerung.

Ich persönlich bin ein großer Freund der europäischen Integration und hoffe, dass das Referendum diesem Prozess keinen allzugroßen Schaden zufügt, aber noch mehr hoffe ich, dass die Verantwortlichen aus diesem Ergebnis die richtigen Schlüsse im Hinblick auf die Politikgestaltung der EU ziehen.

Heutzutage ist die EU in erster Linie ein riesiger Beamtenapparat, der sich die Themen, mit denen er sich beschäftigt, weitestgehend selber heraus sucht. Die Entscheidungsfindung ist hier, im Gegensatz zu nationaler Politik, kein politischer Prozess, in dem Vorschläge öffentlich diskutiert werden, Parteien den Willen ihrer Wähler explizit berücksichtigen müssen und Medien einen großen Anteil an der öffentlichen Darstellung der Entscheidungsprozesse haben. In der EU finden Entscheidungen viel kleinschrittiger statt. Die zentralen Instanzen sind die Expertengremien der Europäischen Kommission, in denen Ministerialbeamte aller Mitgliedsstaaten vertreten sind. Hier werden Themen diskutiert und "kleingearbeitet", bis die Interessen aller Nationen berücksichtigt sind. Das Europäische Parlament kann dann in den meisten Fällen noch als Korrektiv fungieren, aber im Ministerrat und auch im Europäischen Rat finden nur in wenigen Fällen noch inhaltliche Diskussionen statt. Anstehende Vorlagen werden oftmals "im Paket" abgenicktstimmt.

Damit stellen die Entscheidungen der EU sachlich gut begründete Versuche dar, die Interessen der Mitgliedsstaaten zusammenzuführen. Sie werden jedoch von den Menschen als Ergebnisse undurchsichtiger Prozesse eines gigantischen bürokratischen Apparats wahrgenommen und nicht als Entscheidungen, die in einem demokratischen Entscheidungsprozess getroffen wurden. Vor diesem Hintergrund verwundert es wenig, dass Reformvorhaben der EU dann, wenn sie dem Volk zur Entscheidung übergeben werden, vor einer großen Hürde stehen.

Irland jetzt zu brandmarken oder aus dem zukünftigen Integrationsprozess auszuschließen, würde dem Ausschluss eines unbequemen Kritikers gleichkommen, der die EU ermahnt, sich ihrer demokratischen Wurzeln zu besinnen. Vielmehr sollten Lehren daraus gezogen und alle Versuche verstärkt werden, die Bevölkerung mehr in die Entscheidungsfindung auf der europäischen Ebene einzubeziehen.