Archiv: März 2008

30

Mär

Diskussionskultur, "Ja" oder "Nein"?

Und mal wieder (So unterschiedlich können Einschätzungen sein) ein Fall, in dem sich SPIEGEL Online und Sueddeutsche.de nicht einig sind: War die Runde, die Maybrit Illner am Donnerstag Abend zum Thema “Glotzen statt klotzen” im Studio versammelt hat, nun “eine spannende Diskussion” (Ein Pils für den Schreihals - Sueddeutsche.de) oder ein eindrucksvolles Zeichen mangelnder Diskussionskultur in der deutschen Öffentlichkeit:

Illners übrige Gäste dürfen dafür bewundert werden, dass ihnen ein Kunststück gelungen ist. Sie haben es geschafft, sechzig Minuten praktisch nichts zur Sache zu sagen und trotzdem eindrucksvoll bewiesen, wo das Kernproblem der Jugend-von-heute-Debatte liegt: In der fehlenden Diskussionskultur, im mangelnden Dialog zwischen Jung und Alt, der sich viel zu oberflächlich und alles andere als verständnisvoll gestaltet (Null Bock auf Gesprächskultur - SPIEGEL Online)

Auch wenn ich die Sendung nicht gesehen habe, neige ich dazu, Spiegel-Autor Sebastian Wieschowski zuzustimmen.


29

Mär

Wissenschaftethik und geschlossene Räume im Internet

Das Internet ist schon seit einiger Zeit in das Blickfeld der Wissenschaft gerückt, und auch das “Web 2.0″ wird immer mehr zu einem wichtigen Forschungsgegenstand der Kommuunikationswissenschaft. Die neuen sozialen Netzwerke wie StudiVZ und SchülerVZ unterscheiden sich jedoch in einem wichtigen Punkt von dem klassischen Internet: Der Zugang zu ihnen ist beschränkt. Wie es auch in der realen Welt Räume gibt, die nur bestimmten Personen zugänglich sind (Unternehmen, Ministerien, Exklusive Clubs usw.), finden sich auch im Internet immer mehr “virtuelle Räume” bei denen es Zugangsbeschränkungen zu beachten gibt.

Jan Schmidt vom Hans-Bredow-Institut in Hamburg zeigt diese Problematik am Beispiel des StudiVZ-Ablegers SchülerVZ auf, das ein spannendes Forschungsobjekt darstellen, zu dem der Zugang jedoch nur Schülern erlaubt ist (Forschungsethik im Social Web - Bitte um Mitarbeit). Natürlich könnten sich interessierte Forscher mit einem fiktiven Schüler Zugang zu dem Netzwerk verschaffen, die notwendige Einladung dafür ist schnell organisiert, aber diese Vorgehensweise wirft natürlich wissenschaftsethische Fragen auf. Daher bemüht sich Jan Schmidt nun, forschungsethische Richtlinien für die Forschung in sozialen Netzwerken zu erarbeiten.

Ich bin zwar weder Internet-Forscher, noch Kommunikationswissenschaftler, noch habe ich mich intensiv mit der Wissenschaftsethik auseinandergesetzt, aber in meinen Augen gibt es eigentlich keinen großen Unterschied zwischen realen geschlossenen Räumen und virtuellen. Auch wenn die Frage auch für die “reale Welt” nicht abschließend beantwortet werden kann, so sollte doch auch hier die eiserne Regel für Kommunikation im Internet gelten: “Tue nichts im Internet, was du nicht auch Offline tun würdest”. Bei einem Netzwerk wie SchülerVZ wäre, in meinen Augen, eine Anfrage beim Betreiber der richtige Weg, ob dieser einen Zugang für die Wissenschaftler erlauben kann. Ob ein “Einschleusen” durch einen fiktiven Account oder die Nutzung des Zugangs eines Schülers, der diesen dafür zur Verfügung stellt, vetretbar wären, ist schwierig zu sagen und hängt, in meinen Augen, von der Art der Forschung ab und von ihrem Potenzial, den Nutzern oder den Betreibern des Netzwerks Schaden zuzufügen, oder ihr Vertrauen zu missbrauchen.


24

Mär

Steueroasen und die Begehrlichkeiten des deutschen Staates

In seinem Blog “über Ökonomische Vernunft und politische Dummheit” kommentiert Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer die aktuelle Debatte um den Kampf gegen Steueroasen (Wie gut, dass es Liechtenstein gibt) . Er argumentiert dabei, Steueroasen seien sinnvoll, um den Begehrlichkeiten der Regierungen der Industrienationen Grenzen zu setzen. Die vermutliche Logik dahinter: Werden in den Industrienationen die Steuern zu hoch, verlegen viele Reiche ihr Vermögen ins Ausland und es entsteht ein Anreiz für die Regierungen, die Steuern zu senken. Was nach einem klassischen wirtschaftswissenschaftlichen Argument klingt, ist auf den zweiten Blick totaler Humbug. Genauso könnte man argumentieren, Raubkopien seien sinnvoll, um die Preise von CDs und Computerspielen im Rahmen zu halten oder Autodiebstähle würden dazu beitragen, den Preis von Kraftwagen zu senken.

Bei allem drei geht es darum, etwas zu nutzen, für das man nicht bereit ist, den verlangten Preis zu bezahlen. Sei es das deutsche Straßen- und Bildungssystem, die Musik von Tokio Hotel oder eine Mercedes S-Klasse. Steueroasen sind demnach genauso zu bewerten wie Raubkopierer, die von der Arbeit anderer profitieren und es ausnutzen, dass es Möglichkeiten gibt, davon zu profitieren, ohne den fälligen Preis zu bezahlen. Auch wenn sich nicht verleugnen lässt, dass Steuroasen und Raubkopierer tatsächlich dazu beitragen könnten, Steuern bzw. CD-Preise zu senken, darf man jedoch keinesfalls den Schluss daraus ziehen, diese seien aus normativer Perspektive positiv zu beurteilen.

Selbst nüchtern betrachtet zieht das Argument nur dann, wenn man davon ausgeht, dass Regierung und Plattenlabels ineffizient arbeiten und dass Kostendruck sie dazu bringt, effizienter zu werden, anstatt einfach schlechtere Qualität abzuliefern, um die sinkenden Einnahmen auszugleichen. In beiden Fällen scheint das nämlich die Konsequenz der geringeren Einnahmen zu sein, für die unter anderem Steuerhinterzieher und Raubkopierer verantwortlich sind.


23

Mär

Kann man das essen?

Jeder kennt doch das Gefühl, dass das, was einem da aus der Weißblechdose oder der Kunstoffverpackung entgegenkommt, nicht dem zu entsprechen scheint, was auf der Verpackung abgebildet ist.  Eine wunderbare fotografische Gegenüberstellung von Packungsaufdruck und -inhalt findet sich nun bei pundo3000.com. Während manche Essen wirklich wiederzuerkennen sind, stellt sich meist doch die Frage, ob der Werbefotograf den Inhalt der Verpackung überhaupt gesehen hat.

Guten Appetit!

(Via: Shopblogger - werbung gegen realität)


21

Mär

Bücherwerfen

Von Marc trudelte hier vor ein paar Tagen ein Stöckchen ein, dass ich doch gerne aufgreifen und weiter werfen möchte:

pick sentence 6-8 on page 123 of the nearest book, write them down and pass the game on to 5 other bloggers´.

Auch wenn ich Marc enttäuschen muss und weder ein sozial-, noch ein wirtschaftswissenschaftliches Stückchen beitragen kann, ist das Buch nicht weniger interessant: “Der entzauberte Regenbogen. Wissenschaft, Aberglaube und die Kraft der Phantasie.” von Richard Dawkins. Seite 123, Satz 6-8 lauten:

Eine andere Bekannte aus der Schweiz konnte ihren eigenen Angaben zufolge beim betreten eines Zimmers sofort am Geruch erkennen, welche Person aus ihrem Bekanntenkreis den Raum vor kurzem verlassen hatte. Das lag nicht daran, dass ihre Kollegen sich nicht gewaschen hätten, sondern sie hatte nur eine ungewöhnlich empfindliche Nase. Dass so etwas im Prinzip möglich ist, wird auch dadurch bestätigt, dass Polizeihunde zwei beliebige Menschen allein am Geruch unterscheiden können, es sei denn, es handelt sich - wieder einmal - um eineiige Zwillinge.

Gut, abgesehen davon, dass wir nun etwas über die Fähigkeiten von Polizeihunden und einer Bekannten von Dawkins gelernt haben, wissen wir jetzt auch, dass eineiige Zwillinge über exakt denselben Körpergeruch verfügen. Die Schlussfolgerung, dass Körpergeruch genetisch bedingt ist, eröffnet duschfaulen Menschen ganz neue Ausreden: “Ich kann da nichts für, das sind die Gene!” Oder für Kinder gegenüber ihren Eltern: “Ich kann nix dafür, dass ich stinke. Das seid ihr schuld!”

Ich werfe die Bücher weiter an:

und zwei weitere Blogger, die hier noch mitlesen, die ich aber (noch) nicht kenne. Greift zu!


11

Mär

Die Wirtschaft wird von Menschen gemacht

Die letzten Tage, Wochen und Jahre waren nicht die besten für das Ansehen der Wirtschaft in der Bevölkerung. Und die Kritik ist einfach: Da werden Millionensummen innerhalb von Sekunden umgeschlagen, während viele Menschen sich keinen Urlaub leisten können. Mit einem Handstreich, so scheint es, werden Tausende auf die Straße gesetzt, von denen vermutlich viele keine neue Anstellung finden werden und gleichzeitig verkünden viele Konzerne  Rekordgewinne. Die Bezüge von Spitzenmanagern steigen überdurchschnittlich stark und dann werden einige beim Hinterziehen von Steuern erwischt.  Vielen scheint die Wirtschaft ein undurchdringliches System zu sein, dass sich nur um Geld dreht und auf nichts Anderes Rücksicht nimmt.

In der soziologischen Theorie gibt es einen Ansatz, der genau diesen Aspekt in den Mittelpunkt stellt: Die Theorie gesellschaftlicher Systeme (insb. von  Talcott Parsons, Niklas Luhmann). Diese Theorie geht davon aus, dass es innerhalb der Gesellschaft verschiedene Teile gibt, die jeweils eine ganz spezifische Funktion innerhalb der Gesellschaft erfüllen. So kann das Rechtssystem die Einhaltung von Gesetzen garantieren, das politische System wiederum schafft Gesetze und andere gesellschaftliche Regeln. Die Wirtschaft schließlich sorgt dafür, dass Güter und Dienstleistungen auf eine Weise eingesetzt werden, die sicherstellt, dass sie vermehrt und unter den Menschen verteilt werden. Dabei verfügt jedes System über ein eigenes generalisiertes Kommunikationsmedium, das man sich wie eine eigene Sprache vorstellen kann und über das es seine Operationen organisiert. Das Rechtssystem arbeitet hier mit der Rechtsprechung, die Politik mit Macht und die Wirtschaft mit Geld. Dabei verstehen diese Systeme nur ihre eigene Sprache und alles, was andere Systeme tun, müssen sie erst in ihre Sprache übersetzen. Die Wirtschaft interessiert sich nicht für die Rechtsprechung, solange sie keine finanziellen Konsequenzen hat, auch Politik und Gesellschaft müssen ihre Anforderungen an die Wirtschaft so konstruieren, dass sie sich in Geld ausdrücken.

Diese Perspektive, die ich hier natürlich vereinfacht dargestellt habe, liegt auch der Theorie von Jürgen Habermas zugrunde, der vor einer "Kolonialisierung der Lebenswelt durch die Systeme" warnt: Die Systeme, die sich in einem langen Prozess der Modernisierung herausgebildet haben, entfernen sich ihm zufolge immer weiter von dem Leben der Menschen und wirken bald als äußerer Zwang und entfremdete Macht. Die Menschen sehen sie dann nicht mehr als nützliche Einrichtungen an, die ihnen das Überleben sichern, sondern als Gegner, als etwas, gegen das es sich aufzulehnen gilt.

So nützlich diese Perspektive im analytischen und wissenschaftlichen Bereich ist und so treffend Habermas’ Kritik, in meinen Augen, einige heutige Entwicklungen beschreibt, gilt es, eine wichtige Sache nicht zu vergessen: Wirtschaft wird von Menschen gemacht. Diese Menschen sind wie du und ich: Sie haben Freunde und Familie, Träume und Ängste. Sie erfahren Druck und freuen sich über Lob und, nicht zu vergessen, sie leisten im Großen und Ganzen ziemlich gute Arbeit. Gerade Topmanager stehen unter einem unglaublichen Druck, die Renditeerwartungen der Investoren zu erfüllen. Sie haben jemanden, dem sie verantwortlich sind und der über ihr Wohl und Wehe in dem Unternehmen entscheidet. Von außen gesehen ist ihre Position natürlich eine privilegierte und ich bin mir sicher, den meisten unter ihnen ist das durchaus bewusst, wenn sie trotzdem Entscheidungen über eine Verlagerung der Produktion oder die Entlassung von Mitarbeitern treffen, bin ich mir sicher, dass sie dies nicht leichten Herzens tun.

(Anlass: "Wir sind doch keine Unmenschen")


8

Mär

Die USA - Das gelobte Land der Wissenschaft?

Dass in Deutschland in der Wissenschaft einiges im Argen liegt, habe ich ja schon mehrfach kritisiert (Warum sollte man Wissenschaftler werden?, Was die Wissensgesellschaft braucht…, Risikofaktor Wissenschaft), aber anscheinend gibt es in den USA eine ähnliche Entwicklung, auch wenn das, was Physikprofessor Jonathan I. Katz in seinem Essay "Don’t become a scientist!" beschreibt, für deutsche Verhältnisse noch nahezu paradiesisch klingt…


4

Mär

Wenn die Wissenschaft mal nicht erklärt

Was ist eigentlich der Sinn von Wissenschaft? In aller Regel geht es darum, Dinge zu erklären, Ursachen zu finden und zu verstehen, warum bestimmte Dinge so sind, wie sie sind, und nicht anders. Manchmal zeigt die Wissenschaft aber auch, dass es nichts zu erklären gibt, dass bestimmte Phänomene schlicht und ergreifend ein Ergebnis des Zufalls sind.

Nachdem im 19. Jahrhundert bereits das Primat des Menschen über andere Lebewesen als Mythos entlarvt wurde, zerstören Erkenntnisse von zwei Physikern aus Dortmund und Münster eine weitere Grundlage des menschlichen (nagut, vielleicht auch überwiegend männlichen) Denkens: Zerstörte Bundesliga-Mythen