Improvisationstheater ist etwas Tolles: Für die Schauspieler funktioniert es in etwa wie eine Klospülung für’s Hirn, weil man das Denken einfach abschalten kann und muss und für das Publikum bedeutet es meist eine starke Beanspruchung des Zwerchfells. Man kann mit improvisiertem Theater aber auch sehr einfach viele Menschen stark irritieren, so wie es die Jungs und Mädels von Improv Everywhere in der New Yorker Grand Central Station mit der Hilfe von 200 Freiwilligen gemacht haben:
Die Regeln, nach denen unsere soziale Welt doch ganz passabel funktioniert und die wir Alle als selbstverständlich ansehen, einfach mal für ein paar Minuten infrage stellen…(Via: Slow down now blog)
Bernd Ziesemer, seines Zeichens Chefredakteur des Handelsblatts, kommentiert die momentan in Deutschland tobende Diskussion um Steuerflüchtlinge und um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, bedient er sich eines Zitats des ehemaligen US-Botschafters John Kornblum:
Wenn in den USA so etwas wie der Fall Zumwinkel passiert, geht der Mann mit Handschellen ins Gefängnis – in Deutschland bricht stattdessen eine Gerechtigkeitsdebatte los.
Richtig, die Deutschen neigen dazu, aus Mücken Elefanten zu machen und Grundsatzdebatten loszutreten. Ja, Deutschland ist auch nicht gerade für seinen Optimismus bekannt und auch nicht für die schnelle Umsetzung von Reformen. Aber Deutschland ist bekannt und respektiert für seine Fähigkeit zur Selbstreflexion. Was letzte Woche ans Licht gekommen ist, betrifft mehr als nur einen Mann, der wahrscheinlich das Gesetz gebrochen hat und der sich dafür vor Gericht wird verantworten müssen. Es betrifft auch mehr Menschen als die, die sich auf der DVD als mutmaßliche Steuersünder wiederfinden, sondern es zeigt sehr deutlich, wie wenig Ethik und Anstand heutzutage noch gelten.
Worum es geht, lässt sich am besten durch ein Zitat aus unser aller Grundgesetz verdeutlichen:
Artikel 14 (1) Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt. (2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
Unsere Gesellschaft ist darauf aufgebaut, dass jeder seinen Möglichkeiten entsprechend dazu beiträgt, einen funktionierenden Staat sicherzustellen. Daher zahlen die, die mehr haben auch mehr Steuern und unterstützen dadurch die, die wenig besitzen. Das nennt sich Sozialverträglichkeit oder Solidarität. Ich bin nun sicher kein Verfechter sozialistischer Strukturen und ich bin durchaus der Meinung, dass diejenigen, die viel Leisten auch viel besitzen dürfen, aber das entbindet sie nicht von ihrer Pflicht der Gesellschaft gegenüber.
Wirtschaft und Staat haben es momentan ohnehin schwer, bei den Bürgern Vertrauen zu finden. Zu oft werden vollmundige Versprechen nicht eingehalten und Vertrauen im Namen der "Wirtschaftlichkeit" missbraucht. Klar, im aktuellen Fall geht es nicht um Unternehmen, sondern um Privatpersonen, aber diese sind in den Köpfen sehr eng mit der Wirtschaft verbunden. Da der Staat immer öfter in erster Linie als Erfüllungsgehilfe der Wirtschaft wahrgenommen wird, müssen beide aufpassen, nicht alles Vertrauen der Bürger zu verspielen.
Und ich denke, bei solch fundamentalen Themen ist eine Grundsatzdebatte durchaus angebracht.
Paulo Coelho ist sicherlich einer der bekannteren Schriftsteller und dass er hin und wieder Probleme mit Raubkopien seiner Bücher bekommt, sollte niemanden verwundern. Jetzt hat er jedoch selber eindrucksvoll aufgezeigt, dass Raubkopien sich keineswegs negativ auf den Verkauf seiner Bücher auswirken. So hat er in Russland selber eine Homepage eingerichtet und auf dieser eine Kopie seines Buches "Die Hexe von Portobello" zum Download zur Verfügung gestellt. Nachdem er im Jahr zuvor nur knapp 1000 Exemplare seines Buchs verkauft hatte, waren es im Jahr darauf über 10000 und noch ein Jahr später 100000 Exemplare. Klar, die Kausalität ist damit nicht zweifelsfrei bewiesen und es lassen sich zahlreiche andere Gründe für diesen Anstieg vorstellen, aber plausibel ist es schon, einen Zusammenhang anzunehmen.
Kann man daraus den Schluss ziehen, die Musikindustrie könne nun auch über kostenlose Downloads ihre Verkäufe ankurbeln? Mitnichten, denn Bücher haben gegenüber Musik-CDs einen gewaltigen Vorteil: Sie bieten einen Mehrwert gegenüber der digitalen Kopie: Man kann sie Abends im Bett und in der Straßenbahn lesen, die Augen ermüden nicht so schnell und auch der Rücken freut sich über unterschiedliche Sitzpositionen. Während Musik verlustfrei kopiert werden kann, verlieren Bücher am Bildschirm sehr viel an Qualität und Wert und werden deswegen trotz, oder gerade wegen, Raubkopien gekauft.
Das Kinder Idealisten sind, stellt kaum jemand infrage. Sie stellen gute Fragen und halten den Erwachsenen immer wieder einen Spiegel vor. Meist wird dies als "kindliche Naivität" bezeichnet, die sich "auswächst". Doch dass auch Kinder schon ihre Meinung mit Überzeugungskraft und Verve vor einem "erwachsenen" Publikum verteidigen können, zeigt diese Rede der damals 12-jährigen Severn Cullis-Suzuki auf dem UN-Klimagipfel in Rio 1992. Beeindruckend.
Nicht nur soziale Netzwerke sind heutzutage für viele, insbesondere junge, Menschen ein zentraler Bestandteil ihrer Kommunikation (Communico ergo sum). Auch die ständige Erreichbarkeit durch Handys, Blackberrys oder E-Mails zwingt den Menschen Kommunikation auf - egal, ob sie die gerade wollen oder nicht. Aber wahrgenommen wird dieser Zwang nicht, vielmehr führt die Befreiung davon zu massivem Unwohlsein. Wie es jemandem ergeht, der einige Tage freiwillig auf diese Kommunikationsmittel verzichtet, kann man in folgendem Video beobachten: Unplugged Forbes Editor in Tears After Two Days
Geld ist sicherlich nicht alles, aber man sollte erwarten können, dass hochqualifizierte Menschen, die ihr Leben in den Dienst der Wissenschaft stellen möchten und die es schaffen, sich in einem knochenharten Konkurrenzkampf gegen andere Wissenschaftler durchzusetzen und mit 40 Jahren zum ersten Mal eine unbefristete Stelle zu besetzen, finanziell abgesichert sind. Dass dem keineswegs so ist, zeigt Malte Dahlgrün, dass die neue W-Besoldung dazu führt, dass das Gros der neu berufenen Professoren kaum mehr verdient als ein Realschullehrer gleichen Alters, mit dem zentralen Unterschied, dass der Professor 20 Jahre akademischer Ausbildung, verbunden mit finanziellen Einschränkungen und Risiken, hinter sich hat, während der Lehrer im Normalfall bereits seit einigen Jahren verbeamtet ist.
Wieso sich überhaupt noch hochqualifizierte Menschen dafür entscheiden, in der Wissenschaft zu arbeiten, habe ich bereits an anderer Stelle ausgeführt (Risikofaktor Wissenschaft), aber es mag kaum verwundern, wenn viele überlegen, dem "Wissenschaftsstandort Deutschland" den Rücken zu kehren und beispielsweise in der Schweiz zu arbeiten (Der Zug ins gelobte Land). Denn schlecht sind sie keineswegs ("Deutsche Forscher sind einfach gut"), aber sie werden hier nicht wertgeschätzt, zumindest nicht in der Art, die ihnen ein gesichertes Leben ermöglichen würde. Vielmehr müssen sie sich zwanzig Jahre lang von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln, so dass sie nie wissen können, wo sie in zwei Jahren sein werden und Umzüge oder Wochenendpendeln gehören zum Alltag.
Und wem es gelingt, mit Anfang 40 auf eine Professur berufen zu werden, der muss weiter darum kämpfen, im Laufe der Jahre auch Gehaltserhöhungen zu bekommen, da es keine automatischen Anhebungen gibt, sondern diese nur in besonderen Fällen mit den Hochschulen ausgehandelt werden können. Nur die vertragliche leistungsbezogene Vergütung kann hier ein wenig einen Ausgleich schaffen, denn echte Verhandlungen sind nur während Berufungsprozessen möglich.
Noch bin ich motiviert wissenschaftlich zu arbeiten, aber ich muss gestehen, dass meine Lust immer weniger wird. Nicht wegen der Arbeit, ich liebe die wissenschaftliche Arbeitsweise und könnte mir sehr gut vorstellen, das noch einige Jahre oder gar Jahrzehnte fortzusetzen, aber ich möchte irgendwann auch an den Punkt kommen, an dem ich finanziell abgesichert bin und mich nicht mehr alle zwei Jahre fragen muss, wie es nun weitergeht. Ich denke, das ist nicht zuviel verlangt, aber die Wissenschaft scheint in Deutschland momentan keine sonderlich hohe Priorität zu genießen. Entgegen aller Ankündigungen…
Vorträge bieten allen Beteiligten eine große Chance: Der Vortragende hat die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Zuhörer und die Gelegenheit, diese von seinen Ansichten, seiner Meinung zu überzeugen und Interesse für sein Thema zu wecken. Er kann sich Freunde schaffen, bei vielen Menschen beliebt machen und sogar Unterstützung für sein Projekt gewinnen. Die Zuhörer kommen zu einem Vortrag, weil sie etwas lernen wollen, weil sie Denkanstöße erwarten und begeistert werden wollen. Sie sind dafür bereit, kostbare Zeit zu opfern und gehen, vollkommen zu Recht, mit hohen Erwartungen in einen solchen Vortrag. Die Verantwortung dafür, dass beide Gruppen zufrieden und erfolgreich einen Vortrag wieder verlassen, liegt nahezu vollkommen beim Vortragenden. Er muss es schaffen, die Erwartungen seines Publikums zu erfüllen und kann nur dann darauf hoffen, dass ihm Sympathien und Interesse entgegen kommt.
Dabei gibt es leider viele Vortragende, die entweder nicht in der Lage oder nicht Willens sind, die Erwartungen ihres Publikums zu bedienen. Sie treten unmotiviert auf die Bühne, halten ihren Vortrag in einer monotonen Sprachmelodie und ohne das Publikum einzubeziehen. Sie starren auf ihr Manuskript oder bringen keinen Satz ohne “ähm” heraus. Aber selbst gute und engagierte Sprecher schaffen es nicht unbedingt, das Publikum zu fesseln. Dazu bedarf es auch einem Spannungsbogen und einer genauen Abwägung zwischen Tiefe und Breite des Vortrags, die auf das Publikum abgestimmt sein muss. Zu viele Details und unwichtige Nebenaspekte verwirren, während eine zu oberflächliche Betrachtung anspruchsvollere Zuhörer enttäuschen könnte.
Also, was macht einen guten Vortrag aus?
Ein engagierter Redner, dem man das Interesse an seinem Thema ansieht und -hört
Eigentlich sollte doch alles einfacher werden: Das Internet ermöglicht uns die Kommunikation mit Menschen über den gesamten Erdball hinweg. Distanzen schwinden und Grenzen fallen, doch digitale Kommunikation hat auch die Kommunikation im Nahbereich fest im Griff: E-Mails, Instant Messaging und Soziale Netzwerke dienen heutzutage auch Kommilitonen in derselben Stadt oder gar WG-intern als Kommunikationsmittel. Und während sie gleichzeitig die Kontaktaufnahme erleichtern und Hemmschwellen abbauen, stellen sie uns doch immer wieder vor große Probleme: Vor lauter E-Mails, StudiVZ-Nachrichten, neuen sozialen Netzwerken und Kommunikationsangeboten und -aufforderungen kommt man kaum noch dazu tatsächlich zu leben. Kommunikation wird so zum zentralen Aspekt des alltäglichen Lebens, ohne dass es einen Kommunikationsinhalt gibt, denn es geht nicht mehr um die Erzeugung von Gütern, den Erwerb von Wissen oder den Aufbau von Freundschaften. Aus cogito ergo sum wird communico ergo sum.
Wie es jemandem ergeht, der sich aus der digitalen Kommunikation ein Stück weit zurückzieht und der sich wieder auf das wirkliche Leben konzentrieren will, anstatt digital zu kommunizieren, beschreibt Frauke Lüpke-Narberhaus in ihrem lesenwerten Erfahrungsbericht Mein digitaler Selbstmord. Und dabei zeigt sich, dass ein digitaler Kommunikationsoverkill auch heutzutage keineswegs eine Voraussetzung für ein erfülltes Sozialleben darstellt.
Die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen ist die wichtigste Aufgabe, die sich einer Gesellschaft stellt, wenn sie sich in der heutigen schnelllebigen Welt erfolgreich behaupten will. Dabei geht es darum, es den jungen Menschen zu ermöglichen, sich in der Welt zu orientieren, kritisch zu denken und ein eigenständiges und selbstverantworliches Leben zu führen. Man sollte daher meinen, dass sich die für diese Aufgabe Verantwortlichen, seien es Politiker, Lehrer oder Professoren, die Lehrer ausbilden, aller möglichen Mittel bedienen um diese Aufgabe möglichst effektiv und effizient zu erfüllen. Ein aktuelles Beispiel zeigt aber deutlich, wie sehr alte Überzeugungen und ein starres System dazu beitragen, dass möglicherweise veraltete Techniken zum Standard in der pädagogischen Praxis gehören:
So hat der Dresdner Sozialpädagoge Hans Gängler in einer Studie aufgezeigt, dass die klassische Form von Hausaufgaben, als Wiederholung des Schulstoffes, kaum einen Einfluss auf die schulischen Leitungen der Schüler hat (Hausaufgaben sind überflüssig). Und obwohl er keineswegs der erste ist, der den Nutzen von Hausaufgaben in Zweifel zieht (weitere Literatur), ist diese Erkenntnis noch nicht in den Schulen angekommen bzw. sickert erst sehr langsam in das deutsche Bildungssystem ein. Es gibt jedoch bereits einige wenige Schulen, die versuchen, eine angemesseneren Umgang mit Hausaufgaben zu finden, der die Lernmotivation der Kinder steigert und ihnen gleichzeitig auch die Möglichkeit für umfangreichere Aktivitäten neben der Schule gibt (Besser lernen ohne Hausaufgaben).
Wenn ein Flugzeugbauer herausfindet, dass eines seiner Bauteile das Flugzeug nur schwerer macht, ohne es stabiler, schneller oder komfortabler zu machen, wird er sein möglichstes tun, dieses Bauteil aus dem Flugzeug zu entfernen. Im Bildungssystem hingegen setzen sich Innovationen nur höchst langsam durch und eine wirkliche Reform des Unterrichtsgeschehens scheint unmöglich, dabei wird sie von Tag zu Tag dringender!
Nach der Schule und dem Studium denkt man leicht, man wisse nun alles, was man für ein erfolgreiches und erfülltes Leben wissen müsse. Aber ist dem tatsächlich so? Lernt man beispielsweise im Studium den Umgang mit Menschen? Lernt man, wie man sich eine neue Technologie zunutze macht, oder auch nur, wie man aus der überbordenden Produktvielfalt heutzutage das für sich richtige Produkt aussucht?
Meiner Ansicht nach nicht. Die wirklich wichtigen und praktischen Dinge lernt man so nebenbei. Nicht in Vorlesungen, nicht aus Büchern, sondern aus dem Leben und direkt von anderen Menschen. Damit man immer weiter lernen kann, gibt es jedoch eine wichtige Voraussetzung: Neugier.
Neugier ermöglicht es uns, uns immer wieder in neue Themen einzufinden, die Welt zu entdecken und ihre Wunder zu entschlüsseln. Neugier lässt uns neue Menschen kennenlernen und neue Perspektiven erkennen. Sie lässt jeden Tag neu und jeden Abend spannend werden.
Von Seth Godin gibt es jetzt ein schönes Video, in dem er erläutert, wie wichtig Neugier heutzutage ist: Curious