Archiv: März 2007

28

Mär

Forenbetreiber und Haftung

Da ich selber einige Seiten betreibe, die den Usern die Möglichkeit geben, ihre Meinung zu posten, hat mich die Überschrift Onlineforen-Betreiber haften bei Beleidigungen bei der Netzeitung doch ziemlich erschreckt, hatte ich doch mal wieder ein Urteil befürchtet, das vollkommen an der Realität im Internet vorbei geht. Doch der BGH hat an dieser Stelle, in meinen Augen, sehr gutes Augenmaß bewiesen: Soweit ich das verstehe geht es keineswegs um Haftung, wie die Netzeitung titelt, sondern darum, dass der Foren-Betreiber nachdem er Kenntnis über die Beleidigung erlangt hat, verpflichtet werden kann, diese zu entfernen. Mal abgesehen davon, dass die Kontrolle beleidigender Inhalte sowieso zu den zentralen Aufgaben eines Administrators oder Moderators gehören sollte (siehe auch Zensur durch Forenbetreiber), ist spätestens an dieser Stelle der Forenbetreiber, in meinen Augen, auch in der rechtlichen Pflicht. Zumal ihm eine Löschung der entsprechenden Textpassagen ohne größeren Aufwand möglich ist.

(Quellen: Netzeitung, Lawblog)


28

Mär

Totale Überwachung für die Forschung?

In der Schweiz wollen Forscher in einem riesigen Forschungsprojekt über 20 Jahre hinweg die Entwicklung von 3000 Kindern verfolgen. Auch Eltern und Großeltern sollen in die Studie einbezogen werden, um so ein möglichst umfassendes Bild der Kindheit und Jugend der Probanden zu erzeugen. Im Mittelpunkt steht dabei das Interesse an der Entstehung psychischer Störungen wie Angststörungen oder Depressionen.

Für einen empirischen Wissenschaftler stellt ein solches Projekt sicherlich den absoluten Himmel auf Erden dar: Aus einer großen Stichprobe werden sehr umfangreiche Daten erhoben, die so ziemlich alle erdenklichen Faktoren abdecken können und auf dieser Grundlage ließen sich sicherlich äußerst spannende Schlussfolgerungen ziehen. Auch für Soziologen wären diese Daten sicherlich interessant, da man auch Untersuchungen zur Sozialisation oder Peer-Groups durchführen könnte.

Neben den ethischen und rechtlichen Einwänden, die sich beispielsweise bei Zeit.de finden, gibt es jedoch auch ein ganz zentrales methodisches Problem: Die Forscher verändern durch die Datenerhebung die Daten. So wird eine frühzeitig erkannte Depression sicherlich auch frühzeitig behandelt werden (müssen) und auch das sonstige Verhalten der Probanden wird sicherlich verändert sein. Eine regelmäßige körperliche Untersuchung könnte beispielsweise das Bewusstsein bezüglich der eigenen Ernährung schärfen oder die Eltern könnten sich unter stärkerem Druck sehen, ihrem Nachwuchs mehr Aufwerksamkeit zu widmen.

Im Angesicht dieser methodischen Probleme ist es fragwürdig, ob die gewonnenen Daten den Aufwand und die ethisch heikle Vorgehensweise rechtfertigen, die Durchführung einer derartigen Panel-Studie würde der (Entwicklungs-)Psychologie und den Sozialwissenschaften jedoch eine neue Dimension eröffnen.

Mehr Informationen:


21

Mär

Pause im Netz

Im Web 2.0 ist viel los, da wird wild drauf los gepostet, getagged und kommentiert. Bilder, Musik und Videos werden hoch- und runtergeladen. Social Bookmarks, social networking und socializing. Kaum etwas, was es nicht gibt. Und alles schnell und aktuell. Nicht mehr “Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern”, sondern “Nichts ist so alt wie der Blogbeitrag von vor fünf Minuten”.

Doch jetzt gibt es eine Oase der Ruhe in aller Hektik und dem Stress: alleinr!

Viel Spaß! ;-)

(Quellen: web2null.de, upload)


20

Mär

Science Commons

Im sozlog, genauer gesagt im lesenswerten PDF, das am Ende des Beitrags verlinkt ist, bin ich gerade auf eine Initiative gestoßen, die sich das Thema “Open Access” auf die Fahnen geschrieben hat: Science Commons ist ein Projekt von Creative Commons und hat sich zum Ziel gesetzt, den freien Fluss wissenschaftlicher Informationen und Daten im Internet zu fördern. Momentan sieht mir das Ganze noch sehr USA-zentriert aus, aber es ist auf jeden Fall schön zu sehen, dass es auch hier organisierte Anstrengungen unternommen werden.


20

Mär

Applaus

Spiegel Online bringt heute gleich zwei Geschichten von Menschen, die für das, was sie tun einen kräftigen Applaus verdient haben:

Aylin Selcuk: Die deutsch-türkische (”deukische”) Abiturientin hat mit 40 Mitstreitern den Verein “Die deukische Generation” gegründet. Sie will damit den Vorurteilen entgegen treten, denen sich türkischstämmige Kinder in Deutschland oftmals ausgesetzt sehen: dumm, faul, integrationsunwillig. Sie sagt selber, dass sie über ihre Landsleute früher so gedacht hat, doch als sie dann für ihre Abiturarbeit selber mit diesen Jugendlichen in’s Gespräch kam, änderte sie ihre Meinung und setzt sich nun für sie ein.

Und ja, Leute wie Aylin werden in allen Bereichen gebraucht. Und zwar mehr als alles Andere!

(Quelle)

Ein anonymer Telekom-Mitarbeiter aus Berlin: Der langjährige Telekom-Mitarbeiter hat vor einigen Tagen eine Mail an den Vorstand seines Arbeitgebers geschickt, die nun im Konzern und im Internet die Runde macht (Teil1, Teil2). Aus dieser Mail spricht viel Wut und Ärger, aber gleichzeitig Aufbruchs- und Veränderungswille und in erster Linie der Appell an die Führung der Telekom sich an alte Tugenden zu erinnern; Mitarbeiter nicht länger als Kostenfaktor zu sehen, sonders als das, was der Begriff Humankapital mal bedeutet hat: Mitarbeiter sind das einzige, was ein Unternehmen erfolgreich machen kann. Ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Motivation sind die wichtigsten Faktoren für jeden Unternehmenserfolg!

Vielen Dank für den Mut und die Courage, das auszusprechen, was anscheinend viele (und auch ich) denken!

(Quelle)


11

Mär

Denglisch im Internet

Die Vermischung von deutscher und englischer Sprache ist immer wieder für eine Kontroverse gut. Ein sehr gutes Interview mit dem Sprachforscher Peter Schlobinski findet sich bei ZEIT online


10

Mär

“A ‘Linux approach’ to publication”

Open Access in der wissenschaftlichen Publikationspraxis war ja schonmal Thema hier im Blog (Open Access in der Wissenschaft und Peer-Review und Publikationen). Jetzt erscheint das Magazin economics des Kieler Instituts für Weltwirtschaft auf eine Weise, die versucht, die Vorteile des Peer Review Verfahrens zu erhalten, gleichzeitig aber freien Zugang zu den Artikeln zu bieten:

Den übermittelten Papern wird für acht Wochen in den Status “discussion paper” zugewiesen. In dieser Zeit können andere Teilnehmer über die Artikel diskutieren und am Ende dieser acht Wochen entscheiden “Associate Editors” auf der Grundlage dieser Diskussionen darüber, ob ein Artikel endgültig veröffentlicht wird. Im “Advisory Board” sitzen dabei Hochkaräter wie George Akerlof, Avinash Dixit, Maurice Obstfeld, Amartya Sen und Jeffrey G. Williamson.

Ein sehr interessanter Ansatz, den ich sicherlich weiter verfolgen werde.

(Quelle: Organizations and Markets)


10

Mär

Zensur bei Bild-Meinungsportal

Vor einiger Zeit hatte ich mich schonmal zur Zensur in Internetforen geäußert. Nun weist das BILDblog darauf hin, dass es beim Meinungsportal der Bild-Zeitung (meinung-live.de) üblich ist, die Links, die auf das BILDblog verweisen zu verändern, sodass sie auf meinung-live.de selber verweisen.

Auch wenn hier in meinen Augen keine Zensur im engeren Sinne stattfindet, so zeigt es doch mal wieder auf, dass es bei Medienmachern immer noch akzeptiert zu sein scheint, kritische Meinungen einfach zu löschen. Natürlich könnte man sagen: “Naja, Leserbriefe werden ja auch nur selektiv veröffentlicht.” Sicher, aber von guten Medien erwarte ich, dass sie Lob und Kritik gleichmäßig oder in einem der erhaltenen Briefe angemessenen Verhältnis zueinander zu Wort kommen lassen.

Diese Praxis hat aber noch ein anderes Problem für die BILD-Zeitung selber: Die Disskussionsteilnehmer im Forum von Meinung live sind überhaupt nicht mehr in der Lage, sich selbst vom Wahrheitsgehalt der im Beitrag beschriebenen und verlinkten Kritik zu überzeugen…


9

Mär

Müntefering und Schmidt?

Sehr interessant, wie der Spiegel seine Berichterstattung über die Erhöhung des Rentenalters gestaltet. Man beachte besonders die Fotoserie… ;-)


9

Mär

Bildungsreform die 164.

Mal wieder machen Forderungen zur Reform des deutschen Bildungssystems die Runde. Ein Gremium von hochrangigen Professoren (darunter der Leiter der IGLU-Grundschulstudie Wilfried Bos und der Leiter des Centrum für Hochschulentwicklung Detlef Müller-Böling) hat auf Initiative der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft ein Gutachten verfasst, dass mit radikalen Forderungen Aufmerksamkeit erreicht:

  • Zusammenlegung von Haupt- und Realschule
  • Pflicht zur Fortbildung für Lehrer
  • Zeitliche Befristung von Lehrerverträgen
  • Private Trägerschaft der Schulen
  • Kindergartenpflicht ab einem Alter von vier Jahren

Meine Meinung zu diesen Forderungen ist gespalten:

Die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen ist in meinen Augen auf jeden Fall ein wichtiger Schritt, um die Selektivität des deutschen Bildungssystems zu verringern. Sie alleine greift allerdings zu kurz. Warum soll das Gymnasium als explizite Schulform erhalten bleiben? Das Hauptsrgument hier ist, dass gute Schüler unterfordert und schlechte Schüler überfordert sein würden. Woher kommt eigentlich diese Vermutung? Wirklich gute Schüler sind auch auf dem Gymnasium unter- und wirklich schlechte auch auf der Hauptschule überfordert. Aber ich wage zu bezweifeln, dass dies unbedingt an den Schülern liegen muss. Schulische Leistung ist dermaßen komplex, dass ich nicht glaube, dass irgendjemad vorhersagen kann, wie sich ein schlechter Hauptschüler entwickelt hätte, wenn er stattdessen auf eine Gesamtschule gegangen wäre. So würden auch Schüler aus “bildungsfernen” Familien durch ihre Schulfreunde und Klassenkameraden ein wenig näher an die Bildung heran geführt. Ansonsten bilden sich Cliquen von Hauptschülern, Cliquen von Realschülern und Cliquen von Gymnasiasten. Soziale Durchlässigkeit adé!

Wann begreifen Politiker und Bildungsforscher endlich, dass es in der Schule nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch um Persönlichkeitsentwicklung und soziale Positionierung geht? Dass Schule nicht nur Fakten- und Methodenwissen vermittelt, sondern dass sie auch, und in meinen Augen vor allem, die Schüler für das Leben nach der Schule prägt und deshalb soziale Kompetenz erzeugen muss?

Natürlich sollten Fortbildungen für Lehrer Pflicht sein. Jeder Arbeitnehmer wird von seinem Arbeitgeber hin und wieder dazu verpflichtet, sich neue Kenntnisse anzueignen damit er weiterhin effektiv und effizient arbeiten kann. Warum sollte das nicht auch für Lehrer gelten? Es gibt genug Bereiche der Pädagogik und Didaktik, in denen im Laufe der Zeit neue wissenschaftliche Erkenntnisse entwickelt werden, warum sollen diese erst durch die junge Generation in den Schuldienst eingebracht werden können? Zudem sind auch die Wissenschaftler auf das Feeback von erfahrenen Lehrern angewiesen.

Die zeitliche Befristung von Lehrerverträgen halte ich für unsinnig. Es sollte allerdings einfacher werden, unfähige Lehrer aus diesem Beruf zu entfernen.

Auch die private Trägerschaft würde dem deutschen Schulsystem auf lange Sicht nicht nutzen. Der Staat sollte den Schulen allerdings mehr Freiheiten in der Gestaltung geben. Denn nur so kann Innovation entstehen und dadurch die Ausbildung der Schüler besser werden. Gleichzeitig wäre es aber wichtig, die Machtposition des Schulleiters in dieser Hinsicht einzuschränken und einen Rat aus Lehrer-, Schüler- und Elternvertretern in die schulischen Entscheidungsprozesse stärker einzubeziehen.

Der Kindergartenpflicht stehe ich zwiegespalten gegenüber. Einerseits würde eine solche auch Kindern aus “bildungsfernen Schichten” die Chance geben, frühzeitig den Wert von Bildung zu erkennen und ihnen den Start in die Schule sehr stark vereinfachen. Andererseits sträube ich mich gegen eine Verpflichtung zu “Ringelpiez mit Anfassen” und gemeinschaftlichem “Blumen malen”. Meine Idee an dieser Stelle wäre, Kinder nicht erst mit sechs, sondern bereits mit fünf Jahren einzuschulen. Die Gestaltung der ersten Jahre Grundschule ist, in meiner Erinnerung, ohnehin nicht viel mehr als ein Kindergarten mit ein wenig Wissensvermittlung.

(Quellen: Spiegel Online, FAZ.net)