Archiv: Januar 2007

25

Jan

Kann Paid Content aussterben?

Peter Turi sieht das Ende kostenpflichtiger Inhalte im Internet nahen, da sich immer ein Konkurrent finde, der sein Angebot kostenlos mache und sich über Werbung refinanziere. Stimmt im Prinzip, aber diese Entwicklung hat Grenzen:

Die Erstellung von Inhalten erzeugt Kosten (bei Autor A), die durch Werbung (insb. für andere Internetseiten) refinanziert werden müssen. Die Werbung Schaltenden müssen nun die Kosten für ihre Werbung (spricht die Kosten von Autor A) und ihre eigenen Inhaltskosten (Autor B) über Werbung finanzieren, Autor C finanziert dann Autor B und damit auch Autor A usw. usf. Auch wenn es sicherlich sehr attraktiv wäre, wenn sich die Webseiten wechselseitig finanzieren und der User kostenlosen Inhalt abgreifen kann, realistisch ist das in meinen Augen nicht. Denn sobald Inhalte im Internet kostenlos verfügbar sind, wird die Zahl derer, die für Tageszeitungen, Magazine etc. in der realen Welt Geld ausgeben sinken und damit auch die Verfügbarkeit von Mitteln für die Werbung im Internet. Ein Teufelskreis, der mehrere mögliche Ergebnisse haben könnte:

  1. Im Internet wird nur noch ein kleiner Bruchteil der Informationen angeboten, die in realweltlichen Publikationen verbreitet werden
  2. Der Aufwand, den Autoren betreiben können, um Inhalte zu produzieren wird erheblich sinken und die Qualität der Inhalte damit gleich mit

Wer also eine weitere Verfügbarkeit hochqualitativer Informationen im Internet verlangt, der muss sich, in meinen Augen, zumindest in diesem Bereich gerade für (!) bezahlte Inhalte aussprechen.


25

Jan

Trivialität oder Emotionalität?

Auf faz.net findet sich eine Kritik zum Konzert der Band Juli am 24. Januar in Köln, die gleichzeitig ein wenig nach einem vorwursvollen “die jungen Leute heutzutage” klingt. Eric Pfeil schreibt von Trivialität, von “teestubig vorgetragenen Poesiealbumstexten” und von “harmlos poprockenden Klängen”. Er bemängelt fehlende Aufmüpfigkeit und Rebellion.

Ich selber habe beide Alben der Band und bin hin und her gerissen. Es stimmt, die Texte klingen ein wenig nach Poesiealbum und auch musikalisch zeichnen sich Juli nicht gerade durch hohe Komplexität aus und trotzdem gelingt es einigen Liedern immer wieder, mich zu packen. Vielleicht, weil sie einen Nerv treffen. Nicht nur bei mir, sondern auch bei all ihren Fans. Ich möchte hier gerade die Lieder als positive Beispiele anführen, die Pfeil in seinem Artikel kritisiert und zwar anhand derselben Zitate:

Geile Zeit:

Die Nächte kommen - die Tage gehen
Es dreht und wendet sich
Hast du die Scherben nicht gesehen
Auf denen du weitergehst


zitiert Pfeil hier den Text. Er sieht darin eine Erinnerung an die vergangene Jugend und “Pusteblumen-Melancholie”.

Für mich sagen diese Zeile, in Kombination mit ihrem musikalischen Ausdruck, etwas ganz anderes: Es geht um Abschied nehmen und loslassen können, um Hoffnung und, vor Allem, um die Zukunft. Sie propagieren das Aufstehen nach dem Fall und verteufeln die Resignation. Also rundum positiv und zukunftsgewandt, anstatt passiv-melancholisch und bedauernd.

Ein Neuer Tag:

Ich stehe ganz allein
Ich gehe über neu gestellte Weichen
Über Zäune
Über Leichen
Über Los, Los,Los
Ich gehe ganz allein

Auch hier geht es, in meinen Augen, nicht, wie Pfeil es schreibt, um “karrieristische Angstlosen-Rhetorik”, sondern um Aufbruch zu neuen Ufern, Mut und Energie. Es geht um Gestaltung und Kraft, um Unabhängigkeit und Individualität. (Auch wenn sich über die Zeile “über Leichen” sicherlich streiten lässt.) Und auch hier taucht wieder das Motiv des Aufstehens nach dem Fall auf.

Meiner Meinung nach sind Bands wie Juli, die mit relativ einfachen Mitteln dermaßen emotionale und wichtige Themen ansprechen, heutzutage mindestens genauso wichtig, wie anspruchsvolle, gesellschaftskritische und rebellische Bands. Sie bieten einen Anker, eine Fixierung, wie sie in der heutigen Welt ansonsten kaum noch zu finden ist.

Rebellion erfordert Reflexion, Reflexion erfordert Kenntnis und Kenntnis erfordert Verankerung. Und Bands, wie bespielsweise Juli, können dabei helfen, diese Verankerung zu schaffen. Unsere heutige Welt ist dermaßen komplex, reich an Herausforderungen und Stolperfallen, während sie gleichzeitig wenige Fixpunkte bietet, dass das, was Emile Durkheim “Anomie” (Werte- und Orientierungslosigket) nennt immer mehr einzutreten scheint. Lieder, wie die von Juli, können hier Grundlagen bieten und Hoffnungslosogkeit und Resignation (gerade bei den zitierten Liedern) entgegenarbeiten. Wer über eine “passive Jugend” schimpft, der sollte gerade auf solche Bands achten, die Aktivität, Lebensfreude und individuelle Kraft in den Mittelpunkt ihrer Texte stellen.

Natürlich wäre schön, wenn jeder Mensch sich, im Sinne einer perfekten Aufklärung, alle seine Ziele, seine Werte und Meinungen durch kritische Fakten-Reflexion selber erarbeitet. Aber dies ist, in meinen Augen, schlicht und ergreifend nicht möglich oder übersteigt zumindest die geistige und vor Allem emotionale Leistungsfähigkeit der Allermeisten. Klare, unverschlüsselte Botschaften, einfache Emotionen und direkte Ansprache können hier Wunder wirken.

Eine Welt, die von den Meisten ohnehin schon als zu kompliziert und undurchschaubar gesehen wird, in “intellektuell anspruchsvollen” Liedtexten weiter zu verkompliziern und verklausulieren ist sicherlich auch(!) notwendig und mag dem “Kulturkritiker” eher gerecht werden, es macht, aus der Sicht des “Gesellschaftsbeobachters” aber den zweiten Schritt vor dem ersten.


8

Jan

So unterschiedlich können Einschätzungen sein

Hier in Bayern (ich meine das Bundesland, nicht die Region ;-)) gibt es momentan nur ein Thema: Den Kampf Gabriele Paulis gegen eine erneute Kandidatur Edmund Stoibers bei den Landtagswahlen 2008. Wie unterschiedlich sich die Solidaritätsbekundungen des CSU-Präsidiums interpretieren lassen, zeigen Sebastian Fischer (Spiegel Online: Stoiber-Show statt Pauli-Party) und Peter Fahrenholz (Süddeutsche.de: Bestellte Lobgesänge)


7

Jan

Was ist Erfolg?

Für viele bedeutet Erfolg: Geld, Macht, ein prestigeträchtiger Job, ein großes Haus und ein schnelles Auto. Und sie sind bereit, hart dafür zu arbeiten. Überstunden und durchgearbeitete Wochenenden werden zum Normalfall, Freunde werden vernachlässigt und eigene Interessen kommen zu kurz. Das Leben besteht nur aus Arbeit. Was bringt dieser Erfolg?

Kann Erfolg nicht auch heißen, mal nicht auf die Uhr schauen zu müssen? Es sich mit einem guten Buch gemütlich machen zu können? Abends mit alten Freunden ein paar Bier oder ein Glas Wein zu trinken? Einfach mal in den Tag hinein zu leben?

(Anlass: Genug gearbeitet!)